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DIE ZEITSCHRIFT
FÜR ORGONOMIE

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens.
Sie sollten es auch beherrschen.

WILHELM REICH

 



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Charles Konia
Vittorio Nicola

DIE BEDEUTUNG EINER KORREKTEN DIAGNOSE

Adam Stewart, M.D. (Pseudonym)

The Journal of Orgonomy vol. 20/1, 1986
The American College of Orgonomy

 

Einführung

Diese junge Frau sah ich während meiner Facharztausbildung zur Psychotherapie. Ihre Therapie währte ungefähr ein Jahr, während dem ich von einem psychoanalytisch orientierten Supervisor betreut wurde. Ihr "Hauptanliegen" wurde in einer ersten Bewertung identifiziert, aber keine charakterliche Diagnose versucht. Sie wurde anfangs dreimal pro Woche gesehen, was zunächst auf zweimal die Woche und endlich auf einmal die Woche reduziert wurde. Der Fall wurde im Seminar für charakteranalytische Diagnostik und Fallmanagement vorgestellt, kurz nachdem sie einen Termin abgesagt hatte, eine Stornierung, die sich als die Beendigung ihrer Therapie bei mir erwies.

Der Fall wird hier vorgestellt, um die Bedeutung einer korrekten Charakterdiagnose zu unterstreichen und zu illustrieren, wie ihr Ausbleiben die Therapie dieser jungen Frau hintertrieb und zum Abbruch der Behandlung durch sie führte.

 

Fallbeispiel

A ist ein 28 Jahre alter weißer Single. Sie ist das sechste von neun Kindern. Römisch-katholisch aufgewachsen, praktiziert sie keine formale Religion mehr.

Zunächst bat sie mit 26 um eine Behandlung in einem Zentrum für seelische Gesundheit, kurz nachdem sie aus ihrem Elternhaus ausgezogen war. Diese Behandlung wurde nach mehreren Sitzungen abgebrochen, nachdem der Therapeut angegeben hatte, sie wären in einer Sackgasse und es mache keinen Sinn fortzufahren; daß sie einen Freund statt Therapie benötige.

Einige Monate nach diesem Abbruch stellte sich A zur Untersuchung und Behandlung vor und beklagte, daß sie sich ständig zornig fühle und daß ihre Wut mit der Beziehung ihrer Eltern zu tun habe (getrennte Schlafzimmer und keine Liebesbeziehung seit einer Reihe von Jahren). Weiter erklärte sie, obwohl es ihr Wunsch sei zu heiraten und Kinder zu haben, sie bei ihren Dates mit Männern häufig darauf bestand ihre Rechnung selbst zu zahlen, um das Gefühl zu vermeiden, sie sei ihnen gegenüber zu etwas verpflichtet. Sie stellte fest, daß sie übergewichtig sei. Wenn sie zu viel aß, fühlte sie sich "wie ein Schwein" und sie hatte deswegen Schuldgefühle. Sie äußerte auch Groll darüber, ihren Körper trainieren und Diät halten zu müssen, um attraktiv zu sein.

Aktuelles Funktionsniveau. A hat gegenwärtig ein Apartment in der Stadt, das an das Haus ihrer Eltern angrenzt. Sie besucht das Haus oft an den Wochenenden. Sie erklärt, ihr Verbleiben im Elternhaus, bis sie 27 war, damit, daß sie glaubte, sie müsse ihre jüngste Schwester vor dem unmoralischen Verhalten ihrer Mutter schützen. (A offenbarte, daß sie gehört hatte, wie ihre Mutter am Telefon mit einem Liebhaber sprach, als A 17 war. Ihre Mutter hat jetzt ganz offen eine Beziehung mit diesem Mann und plant, das Haus der Familie zu verlassen.)

A hat ihre Berufsausbildung mit der Durchschnittsnote "gut" abgeschlossen. Sie besuchte ein Modeinstitut, verließ es aber, um mit der Arbeit zu beginnen. Sie arbeitet derzeit als Vertreterin für Damenkonfektion. Während ihre Leistung bei der Arbeit angemessen ist, ist sie manchmal voller Groll, daß sie überhaupt arbeiten muß und hat das Gefühl, daß sie verheiratet sein und einen Mann haben sollte, der für sie sorge.

Sie hat ein paar enge Freundinnen, mit denen sie Urlaubsreisen unternommen und andere Aktivitäten geteilt habe. Als ich sie anfänglich sah, war sie "zwischen zwei Beziehungen", aber derzeit ist sie mit einem von seiner Frau getrennten Mann zusammen, der einige Jahre älter ist als sie. Alle ihre letzten Beziehungen mit Männern waren dadurch gekennzeichnet, daß der Mann in irgendeiner Weise nicht verfügbar war, beispielsweise verheiratet oder geographisch weit entfernt.

Vergangenes Funktionsniveau. A beschreibt sich selbst als "mädchenhaftes Mädchen" vor der Pubertät, das mit Puppen spielte und davon träumte groß zu werden und zu heiraten. Ihre ersten Monatsblutungen machten sie sehr verlegen und sie versteckte sich in ihrem Zimmer. Sie hatte den Wunsch ein Junge zu sein, um "dem Fluch" zu entkommen. (Ihre Perioden bleiben eine Quelle von Problemen. Sie hat Krämpfe, ist reizbar und beneidet die Männer, daß diese nichts mit Menstruation zu tun haben.) Sie berichtet von zwei Änderungen zum Zeitpunkt der Menarche: Erstens eine Gewichtszunahme von etwa 14 Kilogramm (zu einem Zeitpunkt wog sie mehr als 90 Kilogramm, hat ihr Gewicht mit Diät und Bewegung aber auf 70 reduziert), zweitens Verhaltensauffälligkeiten in der Schule. Sie begann mit Mädchensportarten (Tennis und Feldhockey). Sie hatte an der High School keine Dates, schwärmte aber heimlich für mehrere Jungs.

Sie fing mit Dates im Alter von 18 an mit einem Mann, der sie mit Gleichgültigkeit und Verachtung behandelte. Sie beendete diese Beziehung schließlich nach drei Jahren, als er mit anderen Liebschaften protzte. Ihr aktueller Freund wird als sehr beflissen und besorgt beschrieben. Sie empfindet seine emotionale Offenheit als einschüchternd und schwankt zwischen Gefühlen der Anhänglichkeit mit dem Wunsch der Nähe und dem Zwang dem Offenbaren ihrer eigenen Gefühle zu entfliehen.

Bei der Beschreibung ihrer Eltern berichtet A sich erinnern zu können, daß ihr Vater mehr mit der Betreuung der Kinder befaßt war. Jedoch beschreibt sie ihn als unterkühlt statt warmherzig. In ähnlicher Weise beschreibt sie ihre Mutter als kühl und distanziert; sie sorgte für die Kinder, war aber auch mit ihrem eigenen College-Abschluß beschäftigt.

Biophysische Funktionsweise und Verhalten in den Sitzungen. A hatte keine Beschwerden, was das Schlafen und die Verdauung betraf. Sie beschwert sich, daß sie ständig damit kämpfen müsse, ihr übermäßiges Essen und ihr Gewicht unter Kontrolle zu halten. Sie berichtet, daß sie den Geschlechtsakt als angenehm empfindet, sich danach aber schuldig fühlt. Verlegen gesteht sie eine Vorliebe fürs Küssen und Oralsex, wollte aber nicht weiter ins Detail gehen.

A ist etwa 167 Zentimeter groß und wiegt ungefähr 70 Kilogramm. Sie hat ein attraktives gesundes Gesicht und schulterlanges Haar. Sie trägt eine Brille wegen Myopie. Sie hat ziemlich breite Schultern, aber kleine Brüste und ist schwerer in den Hüften und Oberschenkeln. Sie kann Blickkontakt herstellen und tut es. Ihr Ausdruck schwankt zwischen herausfordernd und ängstlich. Ihr Humor ist oft selbstironisch und sie schaut, ob ich in das Lachen einstimmen werde. Sie versucht sich als zäh und unbekümmert hinzustellen, räumt aber ein, daß sie sich sehr verletzlich fühlt und sich noch wehrloser fühlen würde, wenn andere von ihrem Schmerz wüßten. Sie sagt, daß sie versucht, die Coolness ihrer Mutter nachzuahmen, aber nur mit geringem Erfolg. Sie äußert auch die Befürchtung, daß wenn sie über sich selbst mehr preisgäbe, ich mich in einer Machtposition befände und mit ihr machen könne, was ich wolle. Sie weigert sich, einige meiner Fragen zu beantworten, während sie sitzt, denkt und lächelt und dann sagt, es sei zu persönlich, um darüber zu sprechen. Es gibt Zeiten, wenn sie ihre Konzentration verliert und "vergißt", was wir besprochen haben, führt das aber darauf zurück, daß sie nicht an "dieses Zeug" denken wolle.

Zunächst kam sie zu den Sitzungen im Jogginganzug, erschien dann aber allmählich in weiblicherer Kleidung. Als ich auf die Veränderung hinwies, bestritt sie verärgert, daß es irgendeine Bedeutung habe. Sie teilte mir daraufhin mit, daß ich die Art von Mann sei, die sie attraktiv fände. Sie sprach auch von ihrem Bedürfnis, Männer auszutesten, um herauszufinden, ob sie es ernst meinen. Nach meiner Feststellung, daß sie ihre Bekleidung geändert habe, reduzierte sie bald die Sitzungen von drei pro Woche, auf zwei und schließlich einer. Endlich sagte sie einen Termin wegen einer Autopanne ab und machte nie einen neuen aus.

 

Diskussion

Zu der Zeit, als dieser Fall dem Ausbildungsseminar vorgestellt wurde, waren umfangreiche Informationen gesammelt worden, die charakteristische Reaktionsweise der Patientin war hervorgetreten und die Diagnose einer Hysterikerin mit einem oralen unbefriedigten Block war gestellt worden.

Aber für einen Therapeuten am Anfang bot diese Patientin einige diagnostische Fallstricke. So wie sie sich anfänglich vorstellte, war es alles andere als eindeutig. Sie war zurückhaltend und wollte ihr Schweigen und was sie hemmte nicht erklären. Wie bereits erwähnt, erschien sie zunächst sehr lässig in Sportkleidung; erst nach etwa sechs Monaten in Behandlung fing sie an sich weiblicher zu kleiden. Schließlich führte mich ihr Versuch eine harte und unbekümmerte Fassade zu präsentieren, mit sehr wenig sexueller Koketterie, zu der Frage, ob sie ein phallischer Charaktertyp sei. Im Nachhinein gab es mehrere eindeutige Hinweise, die auf die richtige Diagnose verwiesen: ihre Eigenbeschreibung als "mädchenhaftes Mädchen" während der Kindheit, ihre Identifikation mit ihrer Mutter, ihre Gewichtszunahme während der Pubertät und ihre Wahl von Männern, die sie sowohl dominierten als auch in der einen oder anderen Weise für sie nicht verfügbar waren.

Es ist bedauerlich, daß die Diagnose nicht früher gestellt worden ist, um in der eigentlichen Therapie zweckdienlicher zu sein. Wie sich die Situation darstellte, war ich bis weit in den Therapieverlauf hinein ziemlich unsicher, was die Diagnose betraf und bei der Wahl der geeigneten Interventionen eher eingeschränkt – in diesem Fall auf das Weglaufen hinzuweisen. Meine Unterlassung, dies zu tun, zusammen mit einer unpassenden Bemerkung, führte letztlich zu As Weglaufen von der Therapie. A fühlt, soweit ich es feststellen kann, daß ihr die Therapie geholfen hat, aber die Einzelheiten ihres gegenwärtigen sozialen und sexuellen Funktionierens sind mir nicht bekannt. Ich kann nicht umhin zu glauben, daß, wenn eine Charakterdiagnose frühzeitig gestellt und die Behandlung von dieser Diagnose geleitet worden wäre, wesentlich größere Fortschritte möglich gewesen wären.