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DIE ZEITSCHRIFT
FÜR ORGONOMIE

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Sie sollten es auch beherrschen.

WILHELM REICH

 



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Charles Konia
Vittorio Nicola

ADIPOSITAS BEI EINEM PHALLISCHEN CHARAKTER MIT EINEM ORALEN UNBEFRIEDIGTEN BLOCK

Dale G. Rosin, M.D.

The Journal of Orgonomy vol. 27/1, 1993
The American College of Orgonomy

 

Während die Patienten die medizinische Orgontherapie durchlaufen, besteht die Aufgabe des medizinischen Orgonomen darin, Schicht auf Schicht des Charakter- und Muskelpanzers aufzulösen, angefangen mit den oberflächlichen und fortschreitend zu tieferen Schichten.

Damit dies geschieht, ist es notwendig, eine ausreichende Menge vom emotionalen Inhalt aus jeder Schicht zu entladen, so daß dieser den Patienten nicht länger hindert, den emotionalen Inhalt, der sich darunter befindet, auszudrücken. Hierzu muß der medizinische Orgonom die manchmal feinen Unterschiede zwischen Panzerschichten wahrnehmen. Diese können sich durch Nuancen zu erkennen geben, die so subtil sind wie die qualitativen Unterschiede im Weinen des Patienten. Der folgende Fall zeigt dies im Rahmen einer Kindheitsgeschichte von schwerer emotionaler Entbehrung und Mißbrauch.

 

Fallgeschichte

Brenda ist eine 37 Jahre alte, alleinstehende, weiße Frau, die zur Therapie kam, weil sie in der Lage sein wollte, eine anständige Beziehung mit einem Mann zu führen. Einige Monate zuvor hatte Brendas siebenjährige Beziehung mit ihrem "Freund" geendet. Sie lebten 1000 km voneinander entfernt und sahen einander vielleicht dreimal im Jahr. Einen Monat nach ihrer Trennung erhielt sie die Einladung zu seiner Hochzeit. Sie fühlte sich verletzt, verraten und wertlos.

Ihre Lebensgeschichte zeigte, daß kurz nach der Geburt Brendas Mutter "krank" wurde, entweder mit Tuberkulose oder Wochenbettdepressionen, und ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Brenda sah sie erst wieder, als sie drei Jahre alt war. Während dieser Abwesenheit wuchs sie bei ihrer Großmutter mütterlicherseits auf. Brenda wurde häufig von der Großmutter und später von ihrer Mutter geschlagen. Als Brenda 11 Jahre alt war, wurde sie fettleibig, einsam und Objekt des Spottes von Gleichaltrigen und von Seiten der Familie. Der einzige Lichtblick in ihrem Leben war die Schule: sie war sehr intelligent und hatte hervorragende schulische Leistungen. Selbst dies wurde abgewertet. Sie erinnert sich, wie sie ihrer Mutter stolz das Ergebnis ihres Studierfähigkeitstests aus der High School zeigte und dafür lächerlich gemacht wurde, weil "... es nicht richtig ist, daß Du bessere Schulnoten hast als Deine beiden Brüder". Sie schaffte einen Bachelor-Abschluß in Informatik und später ihren Master of Business Administration.

Etwa mit 36 hatte Brenda Anfälle von "Depression". Es fehlten die neurovegetativen Anzeichen und Symptome und sie wirkte eher wie tiefe Traurigkeit. Zu dieser Zeit sah sie eine Sozialarbeiterin für Psychotherapie, die ihr half mit ihrem Geld verantwortungsvoller umzugehen. Sie sagte, daß sie ihre "Depression" im Laufe der Zeit "überwunden" habe. Irgendwann wurde Brenda zu einem Psychiater überwiesen, der ihr ein trizyklisches Antidepressivum verschrieb. Sie kann nicht sagen, ob es ihr wirklich geholfen hat.

Ihre Krankengeschichte beinhaltet morbide Adipositas seit sie 11 ist, Bluthochdruck, chronische Sinusinfektionen und eine Lumbalfusion im Alter von 34 Jahren.

Brendas Erscheinung war auffällig. Sie war 174 cm groß und wog 117 kg. Sie hatte pausbäckige, volle Wangen mit hervortretenden Schwellungen beidseits neben der Nase und ein deutliches Doppelkinn. Ihre Lippen waren voll und hatten eine schmollende, sehnsüchtige und hungrige Qualität. Ihr Oberkörper wölbte sich heraus und wirkte wie eine kontinuierliche Masse von unterhalb ihrer Brüste bis zu den Hüften. Es zeigte sich ein großer, hervortretender Bauch. In deutlichem Kontrast dazu hatte sie überraschend schmale Hüften und muskulöse Beine. Sie saß da, buddha-artig, mit großen, fügsamen und demütig bittenden Augen. Sie lächelte und nickte mir beflissen zu. Sie sah aus wie eine Karikatur des "netten fröhlichen dicken Mädchens".

Ihre Stimme war weich, tief, gedämpft und wie verschluckt. Es gab keine Anzeichen von Psychose oder formaler Denkstörungen, obwohl sie offenbar mit ihren Worten nicht emotional verbunden war. Sie erzählte mir von Ereignissen in ihrem Leben und wie traurig sie sich fühle, währenddessen hatte sie ein breites, angespanntes Grinsen im Gesicht.

Ich fragte sie über ihre Beziehungen mit Männern und sie erzählte mir, daß es nur wenige gegeben habe. Sie hatte das starke Bedürfnis, daß ein Mann sich um sie kümmere, aber haßt es, wenn sie das versuchen würden. Sie hat das Gefühl, daß sie versuchten ihr Leben zu bestimmen.

Auf subtile Weise übernahm sie Kontrolle über die Sitzung, indem sie fortwährend grinste und freundlich mit ihrem Kopf nickte und mich fast dazu brachte, bei diesem Ersatzkontakt mitzumachen. Wenn ich es nicht tat, wurde ihr zunehmend unwohl zumute, fand sie es schwierig zu sprechen und Schweiß erschien auf ihrer Stirn und Oberlippe. Sie selbst bemerkte, daß ihre Augen den Fokus verloren. Sie merkte an, daß sie mit weiblichen Therapeuten besser zurecht kam, weil sie verständnisvoller waren. Ich fragte sie, wie sie sich fühle einen Mann wie mich als Therapeuten zu haben und sie begann zu stammeln. Ich fragte sie, was sie fühle und obwohl sie sichtlich voller Panik war, sagte sie, sie wisse es nicht.

Mein Eindruck war der einer Frau, die Angst davor hatte Emotionen zu spüren und vor emotionalem Kontakt, sich aber dieses Terrors nicht bewußt war. Sie fühlte nur Traurigkeit. Meine Diagnose war phallischer Charakter mit einem oral unbefriedigten Block.

Die ersten sechs Monate der Behandlung konzentrierten sich darauf, daß ihr unwohl war auch nur Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich wies sie sanft auf ihr ständiges Lächeln hin und ihre oberflächliche Redeweise, die ihr Unbehagen verbarg. Sie begann zu bemerken, wie oft sie ihr routiniertes Lächeln bei Menschen anwandte und wie schmerzlich abgeschnitten sie sich von ihnen tatsächlich fühlte. Ich wies sie nun darauf hin, daß, wenn ihr es mit mir unangenehm wurde, ihre Atmung flacher wurde und ihre Augen den Fokus verloren. Ich bat sie zu atmen und ihre Augen wieder in Kontakt zu bringen, wozu sie in der Lage war. Mit fortgesetzter Atmung begann sie zu weinen, ihren Kopf zur Seite zu drehen, so als schäme sie sich, der Mund begann sich weit zu öffnen und dann wie ein Säugling voller klagender Sehnsucht nach der Brust zu schmollen. Ich ließ sie sich auf die Couch legen und mit dem tiefen Atmen fortzufahren. Dies rief ein dumpfes, ersticktes Weinen hervor. Als im Laufe der Zeit weiteres Weinen durchkam, schloß sich ihr Mund und sie schluckte es runter, ihre hypertrophierte Zungenbeinmuskulatur zog sich sichtbar auf eine hinunterwürgende Weise zusammen. Am Ende dieser frühen Sitzungen beschrieb sie, wie peinlich es ihr war ihre Gefühle gezeigt zu haben und ich sollte ihr versichern, daß sie nicht böse oder schrecklich sei.

Nach acht Monaten weiteren Weinens in jeder Sitzung, verbesserte sich Brendas Kontakt zu mir und sie war weniger allglatt und ernster. Ich war daher überrascht, als sie zu einer Sitzung erschien und oberflächlich plauderte, ihr altes Lächeln wieder aufsetzte und mit dem Kopf nickte. Ich reagierte, indem ich sie einfach bat mit dem Reden aufzuhören und nur zu fühlen. Sie erzählte mir, auf eine emotional abgehobene Weise, daß ihr geliebter Hund diese Woche gestorben war, sie aber unfähig sei zu weinen oder die Trauer über ihren Verlust zu fühlen. Jetzt verstand ich die Änderung zu früheren Sitzungen: angesichts der großen Intensität der Gefühle war sie zu ihrem kontaktlosen Verhalten zurückgekehrt. Ich bat sie sich hinzulegen und tief durchzuatmen. Sie begann stärker zu weinen als je zuvor und ihr Gesicht verzerrte sich zu einem Ausdruck gequälter Trauer, als sie ergreifend den Namen ihres Hundes ausrief und ihre Arme nach ihm ausstreckte. Sie hatte dann eine Erinnerung im Inneren einer Schule zu sein, als sie etwa 10 war, während sie draußen bei den anderen Kindern sein wollte. Die wollten jedoch nicht mit ihr spielen, weil sie sagten, daß sie fett und häßlich sei. Sie versuchte sich davon zu überzeugen, daß sie ohnehin nicht wirklich draußen sein wollte. Sie hatte ihren Intellekt benutzt, um als Abwehr ihre Gefühle außer Kraft zu setzen.

In der nächsten Sitzung hatte Brenda sofort das Bedürfnis zu weinen. Sie legte sich auf die Couch und begann tief zu atmen. Sie spürte, daß eine Emotion in ihr feststeckte und sie konnte nicht weinen. Sie fing an zu stöhnen, daß sie "es wollte". (Was sie wollte, war getröstet zu werden.) Sie setzte sich auf, weinte tief und sagte zu einem bestimmten Zeitpunkt: "Es ist so schwer zu sagen, daß ich es will, wenn ich es wahrscheinlich nicht bekomme." Ich merkte an, daß ihr Weinen nun eine verlegene Qualität hatte, welche sie später darauf zurückführte, daß ich gesehen hatte, wie bedürftig sie sei. Am Ende der Sitzung dankte sie mir, daß ich nicht über sie gelacht oder sie verhöhnt hatte, als sie gezeigt hatte, wie sie sich fühle. Ich bekräftigte sie darin ihrer Bedürftigkeit in der Therapie Ausdruck zu verleihen.

Nach ca. 50 Sitzungen betrachtete ich die Fortschritte, die Brenda gemacht hatte. Zunächst hatte sie nur oberflächlichen Kontakt mit mir machen können, wurde dann zunächst fähiger zu weinen, mußte es aber schamhaft runterschlucken. Sie konnte dann voller weinen, was ihr ermöglichte tiefe Gefühle von Bedürftigkeit auszudrücken, was dann wiederum mehr Verlegenheit denn Schamgefühl bei ihr hervorrief. Interessanterweise gewann sie an Vertrauen und wurde in ihrem Leben kontaktfreudiger, sowohl am Arbeitsplatz, auf Single-Partys und bei Rendezvous, als in der Therapie ihre Bedürftigkeit begann mehr in Erscheinung zu treten. Sie war sich ihrer Gefühle der Abhängigkeit in Beziehungen besser bewußt und rang darum sie zu überwinden.

Nach etwa einem Jahr Therapie begann Brenda mit einer Diät, um schnell an Gewicht zu verlieren. Vier Monate später verkündete sie stolz, sie sei nun zum ersten Mal seit sie 11 Jahre alt war unter 90 kg. Männer fingen an sie mehr wahrzunehmen. Allerdings war dies viel zu früh. Als Brenda mir bei ihrer nächsten Sitzung erzählte, daß sie begonnen habe, sich auf ein Gewicht einzupendeln und daß sie "nasche", spürte ich, daß etwas falsch gelaufen war. Sie weinte während der gesamten Sitzung, war nicht in der Lage zu sagen, was sie fühlte oder was hinter ihrem Weinen steckte. Sie kehrte heim und gab sich der Völlerei hin. Sie wußte, daß sie mit dem Vollstopfen ihre Gefühle abwürgte, aber sie hatte das Empfinden, daß sie diesen Trost benötige, da etwas Störendes in ihr sei, obwohl sie nicht wußte, was es war.

Bei der nächsten Sitzung hatte sie einen entsetzten Gesichtsausdruck. Sie hatte begonnen Erinnerungen an ihren älteren Bruder zu haben, der sie sexuell mißbraucht hatte, als sie 9 war und damit fortfuhr, bis sie 14 war. Unter Tränen erzählte sie voll Scham, wie er sie gezwungen hatte, und ihr dann sagte, wie widerlich sie sei, wegen ihrer Fettleibigkeit als auch wegen dem, was sie mit ihm getan hatte. Sie hatte immer gewußt, daß dies geschehen war, aber es schien in irgendeiner fernen Ecke ihres Geistes gewesen zu sein. Sie konnte es noch immer nicht recht spüren. Ein Teil von ihr sagte wieder und wieder: "Es ist nicht wirklich passiert. Wenn doch, war es nicht so schlimm." Ihr intellektuelles Leugnen arbeitete wieder und ich wies sie sanft darauf hin. Sie kehrte nach Hause zurück, fühlte sich über vier Tage hinweg verängstigt und stopfte sich voll, bis sie einiges von dem verlorenen Gewicht wiedererlangt hatte, nachdem sie erkannte, daß es sie irgendwie vor ihren Erinnerungen an den sexuellen Mißbrauch geschützt hatte. Ich sagte ihr, daß sie möglicherweise das Gewicht gebraucht hatte, um sich selbst zu schützen. Sie stimmte dem zu. In den nächsten zwei Monaten gewann sie widerwillig alles zurück und obzwar es einige Gespräche in der Therapie über den sexuellen Mißbrauch gab, schien sie mit ihm weniger emotional verbunden und er trat in den Hintergrund.

Danach nahm die Therapie wieder an Fahrt auf und es war klar, daß sie emotional wieder da war, wo sie sein mußte. Ihr Kontakt zu mir war weniger oberflächlich. Sie kam in die Sitzung, legte sich hin, rollte mit den Augen, atmete tief und machte übertriebene Grimassen, vor allem mit ihrem Mund. Beständig ermutigte ich sie, in ihrem Gesicht zu zeigen, was sie im Inneren fühlt. Mehr Weinen kam hervor, aber jetzt war es von einer unterwürfigen Qualität. Ich erwartete, daß Wut hervortrete, aber jedes Mal, wenn es soweit zu sein schien, hörte sie auf und duckte sich weg.

Es folgten Monate dieses unterwürfigen Weinens, wobei sie sich auf der Couch krümmte wie ein gequältes Kind. Dann begann sie mit ihrem linken Schlüsselbein "in Kontakt zu kommen". In der Vergangenheit hatte ihre Familie ihr erzählt, daß, als sie fünf Monate alt war, sie "hingefallen" sei und das Schlüsselbein gebrochen hatte. Sie begann die Präsenz ihres Schlüsselbeins zu "spüren". Sie berührte es und fing an zu weinen, da sie etwas von dem Schmerz der vorherigen Fraktur fühlte. Sie erzählte mir, daß sie bis vor kurzem gelegentlich Schmerzen durch einen "eingeklemmten Nerv" hatte, die ihren linken Arm nach unten gingen. Jetzt konnte sie ihr Schlüsselbein reiben und so Erleichterung finden. Nach einigen Monaten fragte sie laut, wie ein fünf Monate altes Kind fallen und sich ein Schlüsselbein hätte brechen können, wenn es nicht zuvor gestoßen oder geschlagen worden wäre. Auf den Horror dieser Einsicht folgte weiteres Schluchzen, gefolgt von einer Flut von Erinnerungen. Sie erinnerte sich, wie sie in ihrem Bettchen allein gelassen wurde und laut weinte, nach Trost verlangte, obwohl keiner kam. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter zu ihr immer wieder gesagt hatte, als sie etwa fünf Jahre alt war: "Sei einfach nur dankbar, daß es nicht schlimmer ist. Weine nur weiter und ich gebe Dir etwas Schlimmeres." Brenda erinnerte sich an die Angst vor Vergeltung, die sie damals empfand, wenn sie ihr Elend zum Ausdruck brachte, und sie begann sie zu fühlen. Sie begann viel intensiver die Vernachlässigung zu fühlen, die sie erlitten hatte. Jetzt wurde ihr die Bedeutung der unterwürfigen und gepeinigten Qualität ihres Weinens in den vergangenen Monaten klar. Ihre Scham vor dem Zeigen von Gefühlen hatte diese unterwürfige Angst verdeckt. Als sie begriff, was ihr widerfahren war, und sie dies mit ihren intensiven Gefühlen integrierte, weinte sie schrittweise tiefer auf diese unterwürfige Weise über viele weitere Sitzungen hinweg.

In den nächsten paar Monaten begann Brendas unterwürfiges Weinen durch eine Qualität großen Elends eingefärbt zu werden. Ich ermutigte sie, es herauskommen zu lassen. Nachdem sie das monatelang getan hatte, fing sie an Wut zu fühlen, während sie weinte, aber sie empfand sofort Angst es zu zeigen. Sie war entmutigt, ihre Wut nicht während der Sitzung herauslassen zu können. Ich sagte ihr, daß sie hervorkommen werde, wenn es soweit sei.

Dieses unterwürfige Weinen, das ins Elend führte, hielt weitere viele Monate an, wobei das Elend immer mehr Bedeutung gewann. Das Elend schien aus einem endlosen Brunnen zu kommen. Ich stellte mir Brenda als Kleinkind vor, das sich gefangen und verdammt gefühlt haben muß: wenn sie sich lediglich wegduckte und weinte, wurde sie gehaßt; wenn sie ihre Wut ausdrückte, konnte möglicherweise eine noch schlimmere Reaktion die Folge sein.

Als Brendas Weinen immer stärker ihr Elend zum Ausdruck brachte, wurde sie wütend und sie schrie spontan: "Das war nicht meine Schuld. Das war es nicht. Ich habe Mutti nicht vertrieben!" Sie erinnerte sich, wie ihre Großmutter und ihr Bruder sie anschrien, daß sie durch ihre Geburt für den Krankenhausaufenthalt der Mutter verantwortlich gewesen sei. Sie hielt ihre Arme vors Gesicht, wie um sich zu schützen. Sie hatte eine Erinnerung, wie ihre Hände an das Gitter des Kinderbetts mit Mullbinden befestigt wurden. Erschrocken visualisiert sie, wie Hände sich in ihr Bettchen hinein streckten, um sie zu würgen und zu schlagen. Wieder wunderte sie sich laut: "Ist das wirklich passiert? Kann es so schlimm gewesen sein? Vielleicht habe ich es mir nur ausgedacht?"

Nun, da Wut auftauchte, wiederholte sich dieses Gefühl gewürgt zu werden. Wenn sie ihre Arme genau vor ihr Gesicht hielt, zog ich diese weg und sie schrie vor Terror. In der Mitte der Sitzung erzählte sie mir, daß sie sich wehren und mich wegschieben wollte, aber sie hatte das Gefühl gehabt, daß es nichts brächte. Dann weinte sie. Sie weinte mit der resignierten Qualität der ihr eigenen Welt, in der alles, was sie hatte, um sich zu trösten, ihr eigenes Elend war. Diese Resignation, so fühlte ich, diente auch dazu ihren Zorn zurückzuhalten. Ein erkennbares Muster etablierte sich über viele Sitzungen hinweg: unglückliches Weinen führte zu einem Aufblitzen von Wut, Unterwürfigkeit und Schreien vor Angst und dann wieder der Rückfall in Gefühle von Elend und Resignation. Langsam trat eine subtile aber deutliche Veränderung in der Qualität von Brendas Weinen auf. Es wurde ein wütendes, frustriertes und protestierendes Heulen mit wenigen Tränen. Diese Art des "Weinens" setzte sich über Monate fort.

Im vierten Jahr der Therapie sagte ich Brenda, daß sie anders aussah, aber ich nicht ganz sagen könne wie genau. Sie erzählte mir, daß ab dem Zeitpunkt, an dem sie begann Gefühle in ihrem Schlüsselbein wahrzunehmen, sie eine "Verdünnung" über ihrem Schlüsselbein-Bereich gefühlt habe. Ihr Körper unterlag subtilen Veränderungen – er "gestaltete sich selbst um". Das Fettpolster auf ihrem oberen Rücken hatte sich deutlich verringert. Ihr Oberkörper, obzwar immer noch adipös, gliederte sich besser in Brust, Bauch und Becken. Sie konnte sich jetzt freier bewegen und hatte damit begonnen auf Partys zu tanzen, etwas, wozu sie zuvor nicht in der Lage gewesen war. Vor der Therapie sagte sie, sei sie in solch einem "großen, starren Blob" gefangen gewesen, daß sie sich nicht gut bewegen konnte. Sie erzählte mir auch, daß nach Sitzungen, in denen das Festhalten in Gesicht und Kiefer befreit worden war, sie sich weniger angespannt fühlte und mehr in der Lage, mit Menschen ohne Angst Kontakte zu knüpfen. Sie beschrieb, wie sich Menschen ihr mehr öffneten und sie oft wählten, um über persönliche Dinge zu sprechen.

Brendas Weinen drückt noch mehr Protest und Wut aus. Zuvor spürte sie es weitgehend in ihrem Gesicht, aber nun fühlt sie, wie ihre Wut in ihre Brust geht. Je mehr Emotion durch dieses Segment entladen wird, und obwohl sie keinerlei Gewicht verloren hat, hat sich der Prozeß der "Umformung" fortgesetzt. Ihre BH-Größe ist um 5 bis 8 cm gesunken und es gab eine damit einhergehende Zunahme der Fettablagerung unmittelbar über dem Zwerchfell und über dem Becken.

Bei jeder tieferen Emotion, die auftaucht, sagt Brenda zu sich selbst, bis sie sie in vollem Umfang tolerieren und vollständig ausdrücken kann, daß das, was sie fühlt, nicht echt sei. Vor kurzem erzählte sie mir: "Ich spüre, daß ich noch immer nicht den Schmerz fühlen will, aber ich fange an es mir zu erlauben." Zur gleichen Zeit sagt sie, sie fühle sich besser denn je, was sie selbst und ihr Leben betrifft.

 

Diskussion

Dieser Fall dokumentiert auf ziemlich eindeutige Weise Reichs Theorie des Charakters und der biophysischen Panzerung. Arbeit an der oberflächlichsten Charakterabwehr der Patientin (kontaktloses, aalglattes Reden; scheinbar zustimmendes Kopfnicken) führte sie dazu, ihre Angst vor dem Herstellen von Kontakt zu fühlen. Ihr wurde auch bewußt, daß sie ihre Atmung einschränkte. Dieses biophysische Bewußtwerden erlaubte es ihr mit der Arbeit auf der Couch zu beginnen. Dies brachte Schicht auf Schicht von Weinen hervor, jede qualitativ anders. Jede Schicht hielt tiefere Gefühle zurück, die als eine noch andere Art von Weinen zum Ausdruck gebracht wurden. Reich sagt in Charakteranalyse:

Die Schichten des Panzers sind folglich verschachtelt: jeder abgewehrte Impuls dient auch der Funktion der Abwehr eines tiefer verdrängten Impulses. (1)
Es waren Jahre notwendig, um der Patientin dabei zu helfen Gefühle zu tolerieren und diese eher oberflächlichen Emotionen auszudrücken, bevor die tiefere Emotion der Wut, die seit langem vom Bewußtsein und dem Ausdruck ferngehalten worden war, aufzutauchen begann.

Als die Patientin Kontakt mit den verdrängten Gefühlen und den damit verbundenen Erinnerungen aufnahm und in der Lage war sie auszudrücken, veränderte sich ihr biophysischer Panzer. Sie war in der Lage, Emotionen, die seit langem in ihrem Gesicht gehalten wurden, zu entladen. Sie sah, daß sie dies offener machte und sie besser in die Lage versetzte, mit anderen eine Beziehung herzustellen. Mit dem Ausdruck der unterdrückten Gefühle im Gesicht, vor allem der Stirn und den Bereichen neben der Nase, löste sich auch eine langjährige rezidivierende Sinusitis der Patientin auf.

Von besonderem Interesse ist die Funktion der Adipositas: Energie zu binden und damit die Angst zu dämpfen. Nachdem Emotionen aus dem Gesicht, Kiefer und oberen Thorax konsequent durchgearbeitet worden waren, "schmolz" bei dieser Patientin Fettgewebe in diesen Bereichen weg und verteilte sich auf untere Segmente, ohne daß es zu einer tatsächlichen Gewichtsabnahme kam. Es wird erwartet, daß, wenn diese Patientin in der Therapie Fortschritte macht, ein ähnlicher Umformungsprozeß auch in den unteren Segmenten (Zwerchfellsegment, etc.) stattfinden wird, wenn Gefühle aus diesen Gebieten durchgearbeitet werden.

 




Literatur

  1. Reich, W.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989