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Charles Konia
Vittorio Nicola

ANGST IN DER ORGONTHERAPIE, IHRE BEDEUTUNG UND IHRE BEHANDLUNG. EIN FALLBERICHT

Dott. univ. Turin Vittorio Nicola

The Journal des Orgonomy vol. 28/2, 1994
The American College of Orgonomy

 

Der gepanzerte Organismus wehrt sich auf eine Art und Weise gegen Angst, die durch seine Charakterstruktur und das Muster seiner Muskelpanzerung bestimmt wird. Diese Abwehrreaktionen erweisen sich manchmal als unzureichend und der Betreffende kann dann das unangenehme Gefühl von Angst spüren und ihre körperlichen Manifestationen aus motorischer Unruhe, gastrointestinalen Mißempfindungen, Beklemmungsgefühl in der Brust, trockenem Mund, etc. Sind die Symptome schwerwiegend genug, wird manchmal um eine psychiatrische Konsultation gebeten.

Im Gegensatz zu anderen Formen der Behandlung versucht die medizinische Orgontherapie nicht, die Angst mit Medikamenten zu beseitigen, ihre Ursprünge zu analysieren oder „das Ich zu stärken“. Vielmehr ermöglicht der medizinische Orgonom in der Sitzung den Ausdruck dieser nach Entladung drängenden Emotionen und Entlastung von ihnen, ob sie nun bewußt sind oder nicht. Auf diese Weise ist häufig eine rasche Linderung der Symptomatik möglich. Der medizinische Orgonom ermutigt den Patienten die Angst auszuhalten, die zwangsläufig mit der Auflösung der einzelnen Schichten der muskulären oder charakterlichen Panzerung auftaucht. Natürlicherweise versucht der Organismus, sich gegen diese Empfindungen zu wehren und zwar mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (psychische und somatische Abwehr). Der Erfolg der Therapie hängt vom Ergebnis des ständigen Kampfes zwischen der Neigung des Patienten ab, sein neurotisches Gleichgewicht (Panzerung) aufrechtzuerhalten, und der Stärke seines Wunsches nach Gesundheit. Die Art dieser Beziehung variiert stark von einer Person zur anderen, aber der wichtigste Faktor ist das „Material“, aus dem jemand gemacht ist, d.h. wie entschlossen er ist, für sein Leben zu kämpfen. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Fähigkeit des Behandlers therapeutische Interventionen einfühlsam und punktgenau einzubringen, emotionalen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten, richtig einzuschätzen wieviel Angst der Patient in der Lage ist zu tolerieren und zu wissen, wann somatische und wann charakterliche Arbeit erforderlich ist. Das ist nur möglich, wenn der Therapeut die Struktur des Patienten versteht. Dies erfordert wiederum eine korrekte Charakterdiagnose. Diese wichtigen Aspekte der medizinischen Orgontherapie sind Thema der folgenden Falldarstellung.

 

Falldarstellung

M, eine 30jährige alleinstehende katholische Ärztin in Facharztausbildung (Gynäkologie und Geburtshilfe), stellte sich mit dem Hauptsymptom einer schweren Bulimie bzw. täglichen Freßanfällen mit anschließendem selbstinduzierten Erbrechen vor. Sie konsumierte Alkohol und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) in großen Mengen und nahm ein trizyklisches Antidepressivum gegen ihre Gefühle von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ihr Gefühlszustand verursachte starke Einschränkungen in ihrem beruflichen und sozialen Leben.

Die Bulimie nahm ihren Anfang, als M 16 Jahre alt war. Sie hatte das Gefühl übergewichtig zu sein, sie wog damals 55 kg bei 163 cm, und fing mit einer Diät an, um abzunehmen. Die Entdeckung, daß sie sich Erbrechen konnte, auch wenn sie kaum etwas gegessen hatte, vermittelte ihr das angenehme Gefühl, Kontrolle über ihr Gewicht zu haben. Innerhalb kurzer Zeit war die Situation außer Kontrolle geraten und das bulimische Verhalten gewann in ihrem Leben die Oberhand. Mit 20 Jahren, als sie sich in Gegenwart von anderen schüchtern und unwohl fühlte, begann sie mit Alkohol und Beruhigungsmitteln als „Strategie“ zur Bewältigung von angsterregenden Situationen wie Partys oder Verabredungen mit Männern. Im Lauf der Zeit nahm ihre Fähigkeit Angst zu ertragen jedoch noch weiter ab, bis sie auch dann zu Alkohol und Pillen griff, wenn sie mit alltäglichen Problemen konfrontiert war.

Trotzdem konnte M ein Medizinstudium abschließen und sie begann ihre Facharztausbildung im Fach Gynäkologie und Geburtshilfe. Mit der Verschlechterung ihres allgemeinen Funktionsniveaus war ihre Produktivität während der Facharztausbildung sehr gering. Sie bestand im ersten Jahr kaum ihre Prüfungen, scheiterte zunächst bei denen des zweiten Jahres, schloß aber anschließend ihre Facharztausbildung mit einer Mindestnote am Ende des dritten Jahres ab. Ihr Privatleben war stets „chaotisch“ und bestimmt von zahlreichen unbefriedigenden Beziehungen. Der somatische Befund war unauffällig.

Die Kindheitsanamnese zeigte, daß sie kurz nach ihrer Geburt bis zu ihrem zweiten Lebensjahr von ihren Eltern alleingelassen worden war, was zu einer schwerwiegenden emotionalen Deprivation führte. Kurz nach Ms Geburt mußte die Mutter ihre Zeit und Aufmerksamkeit auf die Hilfe für einen psychotischen Bruder sowie auf ihre eigene schwerkranke Mutter konzentrieren, während Ms Vater von seiner Berufskarriere in Beschlag genommen wurde. „Er bemerkte“, so M, „daß ich existierte, als ich drei Jahre alt war.“ Von da an, vielleicht um ihre Abwesenheit in den ersten Jahren von Ms Leben wettzumachen, nahmen beide Elternteile eine überfürsorgliche Haltung gegenüber M ein, was bis zum heutigen Tag anhält. Ihr Vater konnte Zärtlichkeit und Fürsorglichkeit jedoch nur zum Ausdruck bringen, solange M kindlich wirkte, nicht in der Lage war, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, oder wenn sie krank war. Er sabotierte so weit wie möglich auch ihre Versuche unabhängig zu sein, indem er ihr Selbstvertrauen als Person und als Ärztin mit sarkastischen Bemerkungen unterminierte oder mehr offen sadistisch, indem er gefühlsmäßig mit vollständiger emotionaler Distanz auf sie reagierte.

Vor etwa einem Jahr begann die Patientin eine psychoanalytische Psychotherapie, die sie nach vier Monaten abbrach. Ein eingehendes Gespräch mit M ergab, daß der klassisch ausgebildete Psychiater mit seiner Haltung und seinen verfrühten psychoanalytischen Interpretationen intensive, aggressive Reaktionen ausgelöst hatte, die die Patienten emotional nicht ertragen konnte. Sie fühlte sich zunehmend frustriert und ihre Symptome blieben unverändert.

Als sich M vorstellte, war sie dünn, ca. 163 cm groß, hatte lange braune Haare und hatte ein gepflegtes Erscheinungsbild. Ihre großen braunen Augen wirkten wie die eines verlassenen Welpen und auf ihrer Stirn war zu lesen: „Bitte kümmere sich jemand um mich!“ Offensichtlich stand hinter dem Ausdruck eines verlassenen Welpen eine verführerische Haltung, die als theatralische Zurschaustellung ihres Leidens und ihres Selbstmitleids zum Ausdruck kam. Sie sprach mit einer jammernden Stimme. Ihr Gang entsprach jemandem, der, wenn auch nicht berauscht, so doch unsicher auf den Beinen war.

Die biophysische Untersuchung ergab überall eine leichte Panzerung, im Augen- und im Mundsegment jedoch eine schwerwiegendere Panzerung. Ihre Augen hatten einen verschwommenen Ausdruck und wirkten oft abwesend, leer oder „weggetreten“. Die Kaumuskeln waren hypertrophiert, der Unterkiefer wurde festgehalten und sie hatte die Tendenz beim Sprechen den Mund kaum zu öffnen. Ihr Beckensegment war gepanzert.

Trotz ihres dünnen Körperbaus, der für diesen Charaktertyp ungewöhnlich ist, war meine erste Diagnose die einer oral unbefriedigten Hysterikerin. Unterstützt wurde dies durch die Krankheitsgeschichte, die klinischen Symptome und die Charakterabwehr. Die Diagnose eines okular verdrängten Charakters (Schizophrenie) wurde in Erwägung gezogen. Jedoch erlaubte mir das Fehlen des zentrale Aspekts und anderer Kennzeichen dieses Charaktertyps,(1) diese Diagnose auszuschließen.

 

Therapieverlauf

Anfangs konzentrierte sich die Behandlung auf ihre Charakterhaltungen. Die Aufmerksamkeit wurde auf ihr Agieren als „verlassenes Welpen“ gerichtet, ihr Selbstmitleid, die theatralische Zurschaustellung ihres Elends und ihre Haltung extremer „Güte“. Biophysikalische Arbeit konzentrierte sich auf das erste (okulare) Segment. Über mehrere Sitzungen hinweg wurde sie gebeten, mit den Augen der Kugelschreibertaschenlampe zu folgen. Sie wurde konsequent auf den Ausdruck eines armen kleinen verlassenen Welpen, der auf ihrer Stirn geschrieben war, hingewiesen. Als ich ihre Abwehrhaltung imitierte, mußte sie spontan lachen mit der Bemerkung: „Bringen Sie mich nicht zum Lachen, Herr Doktor. Ich leide sehr.“ Gelegentlich reagierte sie mit frustrierter Wut. Nach einiger Zeit verwandelte sich diese Reaktion zu intensiven Explosionen echter Wut. Begleitend wurde ihre Zusammenarbeit sichergestellt, was den Konsum von Alkohol und Medikamenten anging und ihre Kontrolle der Bulimie. Nur auf diese Weise konnte sie lernen, die Angst zu tolerieren, die ihr Alkohol- und Medikamentenmißbrauch und die Bulimie verbargen.

Langsam zeigten sich bei der Patientin erhebliche Veränderungen. Zum jetzigen Zeitpunkt, nach rund 60 Sitzungen, erscheint die Haltung des „verlassenen Welpen“ nur selten, genauso wie ihre Theatralität. Auch sind ihre Augen heller geworden, ihr Blick zuversichtlicher und ihr Gangbild ist selbstbewußter. Was ihr Selbstmitleid betrifft reagiert sie, sobald sie darauf hingewiesen wird, mit Wutausbrüchen, die von einem intensiven Drang zu beißen begleitet werden, den sie durch das Beißen in ein Handtuch entlädt. Am Anfang war diese Wut unfokussiert, wird aber nun mehr direkt auf ihren Vater gerichtet ausgedrückt.

Es sind auch einige Monate her, seit M aufgehört hat Alkohol zu trinken und Beruhigungsmittel zu nehmen. Es gibt Episoden von Bulimie, etwa zwei pro Monat, die immer mit Konflikten mit ihren Eltern zusammenhängen. Ihre Arbeitsfähigkeit ist besser geworden und sie übernimmt nun mehr Verantwortung. Ihr Sozialleben hat sich intensiviert und sie hat nun einen Freund, der von ihren Eltern akzeptiert wird. Gleichzeitig bleiben Probleme bestehen. Beispielsweise wird ihre aggressive Haltung, die zunächst durch Selbstmitleid und Unterwürfigkeit verdeckt war, ihrerseits zur Abwehr gegen tiefere Gefühle der Verzweiflung und des Verlassenwerdens. Diese Gefühle beziehen sich auf Erfahrungen in der frühen Kindheit. Sie schützt sich vor ihnen mit einer Haltung von Trotz und Gehässigkeit, die insbesondere während der Sitzungen deutlich wird. Jedoch ermöglicht die korrekte Diagnose, das Verständnis ihrer Charakterstruktur sowie ihr aufrichtiger Wunsch nach Gesundheit eine gute Prognose für die lange und anstrengende Arbeit, die noch vor uns liegt.

 

Schlußbemerkung

Ein zentrales Merkmal einer erfolgreichen Orgontherapie ist die Fähigkeit des Patienten, sich der Angst zu stellen, die im Laufe der Behandlung unweigerlich hochkommt. Im dargestellten Fall erlaubte das Panzerungsmuster der Patientin, insbesondere das Vorhandensein und die Zulänglichkeit ihrer Beckenpanzerung, die Lösung der prägenitalen Konflikte, die in den oberen Segmenten festgehalten werden, ohne Risiko zu laufen, daß es zu einem verfrühten Auftauchen von genitalen Empfindungen kommt mit der sie begleitenden Angst.

 


Fußnoten

(1) Reich identifiziert okulare Spaltung als zentrales Element der Schizophrenie. Sie erlaubt akut Empfindungen, deren Wahrnehmung jedoch „abgespalten“ und verzerrt wird. Eine weiche Brust, keine wahrnehmbare Atmung, ein starrer Halsblock und ein diffuses Energiefeld sind weitere Merkmale.