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WILHELM REICH

 



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Charles Konia
Vittorio Nicola

ORGONTHERAPIE (TEIL I: DIE PSYCHOSOMATISCHE BEZIEHUNG)

Charles Konia, M.D.

The Journal of Orgonomy vol. 19/2, 1985
The American College of Orgonomy

 

Zweck dieser Artikelserie ist es, Reichs wichtige Beiträge zur Biopsychiatrie zu diskutieren und seine Priorität für viele Ideen und Innovationen zu dokumentieren, die derzeit in der Medizin Anwendung finden. Dies wird bei der Definition behilflich sein, was die medizinischen Orgonomie ausmacht und wie sie sich von anderen Therapieformen unterscheidet. Es wird auch gezeigt werden, daß die rationalen Elemente der aktuellen medizinischen, einschließlich psychiatrischen Therapien, einfach Teilansätze einer funktionellen Herangehensweise an Erkrankungen des Menschen sind und die Beschränkungen dieser Ansätze zu einem großen Teil auf der gepanzerten Struktur des Arztes beruhen.

Orgontherapie leitet sich von der Kenntnis der Energiefunktionen des Lebendigen ab. Je eindeutiger diese Funktionen definiert und physisch verstanden werden, desto effektiver wird die Therapie sein. Eine rationale Therapie erfordert ein eingehendes Verständnis der folgenden Energiefunktionen:

  1. Die psychosomatische Beziehung.
  2. Die Energiefunktionen, die die Gesundheit ausmachen; die Lebensvorgänge, die vor dem Auftreten der Krankheit vorhanden sind.
  3. Die biophysikalischen Funktionen, die die Grundlage für Krankheiten bilden.
  4. Eine klare Fokussierung der Therapieziele; die biophysikalischen Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Gesundheit erhalten bleibt.
Reichs Entdeckungen auf dem Gebiet der Biopsychiatrie betreffen diese entscheidenden Fragen direkt. Seine wichtigen Beiträge können wie folgt zusammengefaßt werden:

  1. Die Enträtselung des psychosomatischen Problems.
  2. Die physische Identifikation einer spezifisch biologischen Energie, die Lebensprozesse stärkt. Dies geschah zunächst theoretisch durch striktes Festhalten an Freuds Libidotheorie und dann praktisch mit der Entdeckung der biologischen Orgonenergie.
  3. Ein Gespür für den Panzer in seinen psychischen und somatischen Erscheinungsformen, der diesen Energiefluß behindert.
  4. Die Aufklärung der Orgasmusfunktion, welche diese Energie reguliert, einschließlich des Verständnisses dessen, was gesunde und kranke (biopathische) Zustände ausmacht. Dies führte zur Erschließung der orgastischen Potenz als Ziel der Therapie.

 

Die psychosomatische Beziehung

Eine korrekte Vorstellung von der psychosomatischen Beziehung ist essentiell für eine rationale Theorie der Therapie. Dieses Verständnis hängt wiederum von der biophysikalischen Struktur des Therapeuten ab. Aufgrund der Verflechtung des psychischen Apparats ist sowohl eine richtige Perspektive dieser Beziehung als auch die praktische Nutzung dieses Verständnisses in der Therapie durch den Panzer des Arztes beeinträchtigt. Die Menschheit ist der Lösung des psychosomatischen Problems seit Jahrtausenden ausgewichen. Die traditionellen Standpunkte sind Spiegelbild der starren Art und Weise, in der gepanzerte Menschen denken. Wie bereits erwähnt, erzeugt die Panzerung einen unflexiblen und stereotypen Modus des Denkens und der Wahrnehmung, das zu einer Umformung der Wirklichkeit nach der individuellen Charakterstruktur führt. Statt die Denkprozesse der Art anzupassen, in der die Natur funktioniert, ist das gepanzerte Weltbild eine getreue Widergabe der rigiden Struktur des gepanzerten Organismus.

Es war eine Manifestation von Reichs genitaler Struktur, daß es ihm möglich war, die richtige Lösung für das psychosomatische Problem zu formulieren. Er betrachtet die psychosomatische Beziehung funktionell. Der formale Aspekt des funktionellen Denkens wird an die untersuchten Energiefunktionen in der Natur angepaßt. Die einzige im Einklang mit der Realität stehende Formulierung ist, daß der psychische und der somatische Bereich sich nicht nur antithetisch zueinander verhalten, sondern sie gleichzeitig auch em>identisch sind mit einem tieferen, umfassenderen gemeinsamen Funktionsprinzip – der biologischen Orgonenergie. Diese theoretische Formulierung wurde durch Reichs bioelektrisches Experiment unterstützt, in dem er zeigte, daß die Intensität einer Wahrnehmung der Quantität der Erregung entspricht und umgekehrt.

Aus dieser funktionellen Sicht findet jede der traditionellen Formulierungen ihren Platz. Aber sie sind jeweils nur unter bestimmten Bedingungen gültig und nicht in irgendeinem absoluten Sinne. Diese Bedingungen hängen von den Energiefunktionen ab, die zur jeweiligen Zeit am Werk sind. Beispielsweise kann eine visuelle Sensation (eine psychische Funktion) eine somatische Erregung produzieren. Das entspricht dem, was der metaphysische Idealismus behauptet. Umgekehrt gilt auch, wie Mechanisten geltend machen, daß eine körperliche Erregung einen Affekt produzieren kann, etwa wenn Angst aus einer erhöhten Sekretion von Adrenalin hervorgeht.

Reich organisierte die verschiedenen traditionellen Formen des Denkens in einem einzigen funktionellen Schema und zeigte, wie der energetische Funktionalismus tatsächlich alle anderen Formen des Denkens umfaßt und integriert (1). Die vielfältigen und widersprüchlichen Theorien über die Natur beschäftigen sich tatsächlich mit verschiedenen Aspekten oder Funktionen ein und desselben natürlichen Prozesses. Ein freifließender, gesunder Organismus kann jeden Modus des Denkens anwenden, der erforderlich ist, um das Untersuchungsobjekt zu verstehen. Das macht funktionelles Denken aus. Es beruht auf vollem orgonotischen Kontakt zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten. Diese integrierte Form des Denkens ist ein Spiegelbild der biophysischen Integration. Ein starrer oder gepanzerter Organismus ist gezwungen, nur eine Form des Denkens unabhängig davon, ob sie angemessen ist, anzuwenden. Diese Inflexibilität verleiht dem Denken des gepanzerten Menschen seinen irrationalen Stempel.

Das folgende Diagramm zeigt, wie die verschiedenen Denkweisen in der Tat Aspekte eines einzigen einheitlichen Schemas sind. An der Oberfläche zeigen 1 und 2 eine absolute Antithese von Psyche und Soma. Der Mechanismus leitet die psychische Funktion einseitig von streng materialistischen (physikalisch-chemischen) Prozessen ab (1 bestimmt 2). Neurotransmitter, bioelektrisches und behavioristisches Geschehen reicht als Ursache aus, um psychologisches Geschehen zu erklären. Die mechanistische Therapie beruht auf der Annahme, daß die Veränderung physikalisch-chemischer Vorgänge psychische Störungen rückgängig machen kann. Umgekehrt behauptet der metaphysische Idealismus das Gegenteil: jede körperliche Aktivität hat eine ausschließlich psychische Ursache (2 bestimmt 1). Es ist identisch mit der Idee, daß "Geist", "Energie" oder "Libido" materielle Prozesse bestimmen. Weil wir es hier mit der oberflächlichen Ebene zu tun haben, ist diese Energie jedoch ein strikt hypothetisches Konzept. Es ist eine Metapher wie im Fall von Freuds Libido.

Abb. 1

Diagramm des energetischen Funktionalismus, der mittels des funktionellen Denkens den mechanistischen Materialismus, den metaphysischen Idealismus, den psychophysischen Parallelismus, die Mystik und den Monismus integriert.

Der psychosomatische Parallelismus behauptet, daß die psychischen und somatischen Bereiche zwei voneinander unabhängige parallele Prozesse sind, die in Wechselwirkung stehen (3 und 4 in Abb. 1). Diese Betrachtungsweise postuliert, daß es auf jeder funktionellen Ebene eine genaue Entsprechung zwischen psychischen und somatischen Ereignissen gibt. Theoretisch funktioniert Therapie durch die Beeinflussung, die hypothetisch zwischen psychischen und genau entsprechenden somatischen Prozessen stattfindet.

In der Mystik sind die psychischen und somatischen Bereiche absolut gegensätzlich (5 und 6). Aus dieser Sicht sind Materie und Geist, Soma und Psyche, Trieb und Moral, Natur und Kultur, Sexualität und Arbeit, Irdisches und Göttliches unumstößlich nicht vereinbar. Das ist das Glaubenssystem der orthodoxen Religionen. Wegen ihrem strikten Festhalten an der Unvereinbarkeit der beiden Bereiche Psyche und Soma sind Menschen mit einer stark mystischen Einstellung keine Therapiekandidaten.

Das Konzept des Monismus betrachtet psychische und somatische Prozesse als strikt identisch. Dementsprechend seien diese beiden Bereiche nur zwei verschiedene Aspekte des gleichen Phänomens. Obwohl die Monisten der Wahrheit näher als andere kommen, ist ihre Sicht ebenfalls starr und unrealistisch, da sie die Antithese übersehen, die sich aus der Aufspaltung des Einheitlichen ergibt, wie beispielsweise der Natur in lebende und leblose Materie, Tiere und Pflanzen, Männlein und Weiblein, etc. Mit dem Übersehen der Antithese ignorieren die Monisten auch die gegenseitige Abhängigkeit des Somatischen und des Psychischen.

Die tatsächliche Anzahl der heute existierenden Therapiesysteme und -techniken für emotionale Störungen ist unbekannt. Eine umfangreiche Recherche in der verfügbaren Literatur ergibt eine Liste von mehr als 350 (2). Die große Vielfalt der therapeutischen Interventionen ist Ausdruck der großen Unterschiede in den Wahrnehmungsstrukturen der einzelnen Therapeuten, die wiederum Ausdruck ihrer biophysischen Strukturen sind. Bei der Überprüfung dieser verschiedenen therapeutischen Ansätze stößt man auf Kombinationen der verschiedenen Denkformen. Jedoch kann in den meisten Fällen jeder dieser Ansätze in Bezug auf das obige Schema als Ausdruck der einseitigen Denkungsart des jeweiligen Gepanzerten betrachtet werden.

Die Ziele der Therapie hängen in hohem Maße davon ab, wie die psychosomatische Beziehung formuliert wird. Die Fehler in diesen Formulierungen führen unweigerlich zu Fehlern in den Therapiezielen. Wo Mechanisten eine biochemische Anomalie für eine bestimmte psychiatrische Störung postulieren, wird die Therapie entsprechend so ausgerichtet, um diese Bedingung zu korrigieren. Wo der metaphysische Psychoanalytiker ausschließlich psychische Determinanten für eine bestimmte psychiatrische Störung postuliert, wird eine psychische Intervention zur Grundlage der therapeutischen Bemühungen. Zum Beispiel in Bezug auf das Problem der Angst stellt der Psychoanalytiker "den Schrecken als inhaltslos bloß", so daß die Angst nicht mehr als "Gefahrensignal" "benötigt" wird. Die biophysische Realität der Emotion wird vollständig ignoriert.

Schließlich gibt es eine Fülle von Therapien, die Ausläufer der medizinischen Orgonomie sind.
(1) Dies sind meist vollständige Fehlinterpretationen von Reichs Konzepten. Selten wird die Quelle dieser Ideen angegeben, noch gibt es irgendein echtes Verständnis für die therapeutischen Grundsätze oder die Risiken, die für den Patienten entstehen. Das Ergebnis ist ein Sammelsurium von Begriffen, die oberflächlich sinnvoll erscheinen mögen, aber in Wirklichkeit Verzerrungen der Wahrheit sind. In der Tat stellen sie eine Verschlechterung der therapeutischen Grundsätze dar, die mühsam in Jahrzehnten harter Arbeit entwickelt worden sind. Die potentielle Destruktivität dieser unverantwortlichen Ansätze wurde an anderer Stelle (3) dokumentiert. Obwohl diese Therapien beteuern, energetische Konzepte zu nutzen, zeigt sorgfältige Überlegung, daß diese Ideen ohne physische Grundlage sind. Darüber hinaus wird in allen Fällen die sexuelle Funktion vollständig ignoriert.

Die Korrumpierung eines wertvollen Gedankensystems ist in der Geschichte der Wissenschaft nichts Neues. Neu ist, daß zum ersten Mal diese regressive Tendenz nicht auftreten muß. Ein korrektes Verständnis der Beziehung zwischen verzerrten kognitiven Prozessen und biophysischen Strukturen macht es möglich, diese Fehler zu vermeiden. Die medizinische Orgonomie betrachtet die psychischen und somatischen Bereiche als funktionelle Variationen eines tieferen gemeinsamen Funktionsprinzips. Diese Formulierung stellt die Rechtfertigung für die Verwendung energetischer Kriterien für Gesundheit dar – vor allem das Aufstellen der orgastischen Potenz als Therapieziel.

Es folgt eine repräsentative Liste einiger der am meisten verbreiteten aktuellen therapeutischen Modalitäten, die aus Sicht des funktionellen Denkens aufgereiht werden. Sie soll zeigen, daß alle diese Therapien und die Denksysteme, denen sie entstammen, in ein einziges funktionelles Schema integriert werden können. Sie stellen tatsächlich Teilaspekte des oben genannten umfassenden Schemas dar.

Mechanistischer Materialismus (1 → ← 2 in Abb. 1). Die Ansicht, daß ausschließlich somatische oder physische Ereignisse psychische Phänomene bestimmen, nennt man mechanistischen Materialismus. Die verschiedenen therapeutischen Modalitäten können nach der Art der angewandten körperlichen Intervention eingeteilt werden. Diese können die Umwelt umfassen, einschließlich des Verhaltens, physikalisch, chemisch, elektrisch, etc. sein. Diese Ansätze betonen stark quantitative Faktoren statt qualitativer. Alle geistige Aktivität ist durch rein physikalische Faktoren bedingt. Für den Mechanisten existieren psychische, einschließlich emotionaler, Ereignisse nicht an und für sich, sondern eher als Ergebnis physikalischer Einwirkungen. Die Verhaltensmodifikation beispielsweise betont Umweltfaktoren als die primäre Ursache des menschlichen Verhaltens. Der Behaviorist versucht Verhalten zu ändern, durch Manipulation der Ereignisse in der Umgebung, so daß ein bestimmtes Verhalten erzielt wird: eine bestimmte meßbare Verhaltensänderung. Sexualtherapie nach Masters und Johnson beinhaltet eine "abgestufte Reihenfolge sexueller Aufgaben" (Eingriffe in die Umgebung) als Grundlage für die Behandlung von Sexualstörungen. Strukturelle Integration (Rolfing) versucht durch physischen Druck abweichendes myofasziales Bindegewebe in die normale Position zu bringen. Der ausdrückliche Zweck dieser Körpermanipulation ist es, "die psychischen, emotionalen Aspekte des Individuums zu integrieren und auszubalancieren". Das Grundprinzip der medikamentösen Therapie beruht auf der Prämisse, daß man das geistige Leben des einzelnen verstehen kann, wenn man die Aktivität der Neurotransmitter im Gehirn begriffen hat.

In der Praxis gibt es eine oberflächliche Ähnlichkeit zwischen Verhaltensmodifikation und bestimmten Aspekten der Orgontherapie – d.h. der Patient wird immer größerer Angst ausgesetzt. In der Verhaltensmodifikation geschieht dies jedoch auf mechanische Weise ohne Rücksicht auf die Fähigkeit des Patienten Emotionen zu tolerieren oder auf den allgemeinen Energiehaushalt des Patienten.

Metaphysischer Idealismus (Vitalismus) (2 → ← 1 in Abb. 1). In Therapien auf der Grundlage dieses Bezugsrahmens werden psychologische Ereignisse – in der Regel in Form von verbaler Kommunikation – als Bestimmungsfaktoren somatischer Prozesse betrachtet. Ein Hauptbeispiel ist die Psychoanalyse sowie die verschiedenen Schulen, die sich von ihr abgespalten haben. Ein Hauptfehler, der sich aus diesem Ansatz ergibt, ist das, was Reich als Psychologisierung somatischer Vorgänge bezeichnet hat. Psychologische Konzepte werden in einer einseitigen, kausalen Weise verwendet, um biologisches Geschehen, das sich auf einer tieferen, umfassenderen Ebene abspielt, zu erklären. Personen mit Ulcus pepticum werden beispielsweise als unter "Hunger nach Liebe" leidend beschrieben. Dieser "Hunger" (eine subjektive Erscheinung) bewirke, daß die Magenschleimhaut übermäßig Sekrete absondert und sich so selbst "verdaut", was ein Geschwür produziert. Das Geschwür wird als "zufällige physiologische Folge einer psychischen Haltung" betrachtet (4).

In dieser Art des Denkens wird nicht verstanden, daß es Ebenen des natürlichen Funktionierens gibt. Ein engerer Bereich (psychischer Hunger) dient als Grundlage für das Verständnis eines breiteren biophysischen Bereichs (Geschwürbildung). Durch diesen Prozeß des Psychologisierens werden tiefere biologische Prozesse intellektualisiert. Folglich kann die muskuläre Panzerung ignoriert werden. Es ist sogar möglich, daß der Prozeß des Intellektualisierens zur Beseitigung der Symptome führen kann, indem Energie aus dem Körper in den Kopf gezogen wird. Dies ruft jedoch ein Gefühl größerer emotionaler Leblosigkeit hervor und das ganze Problem der Angst kann bequem vermieden werden. Die Nutzung der freien Assoziation als therapeutisches Instrument basiert ebenfalls auf einer metaphysischen Voreingenommenheit. Irgendwie, trotz seiner emotionalen Blockaden, soll der Patient seine Gedanken frei assoziieren können. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Das Gedankenassoziieren des gepanzerten Menschen wird immer durch seine biophysische Struktur bestimmt. Nur dann, wenn der Panzer in ausreichendem Maße gelockert worden ist, wird er wirklich in der Lage versetzt frei zu assoziieren. Die falsche Formulierung des psychosomatischen Problems durch die Psychoanalyse führt auch zu fehlerhaften Ergebnissen bei anderen Problemen. Beispielsweise ging Freuds Todestriebtheorie darauf zurück, daß er fälschlicherweise bestimmten psychischen Manifestationen des masochistischen Charakters eine biologische Bedeutung beigemessen hat. Indem er masochistisches Verhalten in strikt psychologischen Begriffen als Abwehr gegen die Lustfunktion per se betrachtete, und durch Erfassen des Phänomens des Platzens, löste Reich das Problem des Masochismus und ebnete einen gangbaren Weg in den biologischen Bereich.

Ein anderes Beispiel für den metaphysischen Ansatz findet sich in der Biofeedback-Therapie. Diese hat ihre Vorgänger im Zen und in der Yoga-Meditation. Im Gegensatz zur Psychoanalyse, die psychologisches Geschehen (Ideen) nutzt, um körperliche Veränderungen herbeizuführen, verwendet die Biofeedback-Therapie einfache sinnliche Erfahrungen. Hypnose nutzt Techniken der Suggestion. All diese Ansätze gleichen sich aus Sicht der Denkungsart, die zur Anwendung kommt: psychische, subjektive Erfahrungen und Interventionen werden angewandt, um physiologische Änderungen zu bewirken. Im Gegensatz dazu arbeitet der Behaviorist in die entgegengesetzte Richtung: Beeinflussung der psychischen Aktivität durch körperliche Intervention. Oft kommen beide Methoden im Verbund zur Anwendung, um den Patienten zu beeinflussen.

Der Vorteil der mechanistischen und metaphysischen Techniken liegt darin, daß sie durch die Verwendung der psychosomatischen Antithese in der Lage sind, diskrete Symptome und Symptomkomplexe zu identifizieren. Da der Organismus jedoch in seiner Gesamtheit ignoriert wird, bleiben sie in bloßer Symptomatologie stecken.

Psychophysischer Parallelismus (3 ↑ ↑ 4 in Abb. 1). Dieser Ansatz wird durch diejenigen illustriert, die psychosomatische Medizin ausüben (5). Sie erkennen, daß das Psychische und das Somatische unterschiedliche Bereiche umfassen und nähern sich dem psychosomatischen Problem, indem sie sich ihnen separat zuwenden und parallel Daten von beiden erheben. Diese parallelistische Sicht gilt für jede Störung, die psychische und physiologische Komponenten beinhaltet. Eine bestimmte Intensität an psychologischem Streß soll einem bestimmten Ausmaß an physiologischer Erkrankung entsprechen. Bis hierher ist das richtig. Der psychosomatische Arzt geht jedoch weiter. Er versucht, ein bestimmtes psychisches Ereignis (Sensation, Traum oder Wahn) auf jeder Ebene mit einem bestimmten Neurotransmitter-Ungleichgewicht zu identifizieren. Er glaubt, daß die Wiederherstellung des Gleichgewichts den Krankheitsprozeß umkehren wird. Auf den Fehler, der in diesem Ansatz enthalten ist, wurde bereits hingewiesen: Es gibt absolut keine physiologischen oder psychologischen Belege für die Behauptung, daß psychische und somatische Ereignisse von den elementaren bis zu den komplexeren Funktionsebenen parallel auftreten.

Mystik (5 ← → 6 in Abb. 1). Die Mystik ist eine der beiden wichtigsten Säulen des Denkens des gepanzerten Menschen; kommt der Mechanismus hinzu, ergänzen sie einander. Der Mechanismus stellt den zusammenwirkenden Prozeß der psychosomatischen Beziehung dar, während die Mystik sein gegensätzlicher Ausdruck ist. In der Mystik sind Psyche und Soma zwei unversöhnliche und gegensätzliche Bereiche. Als Gegenstück des metaphysischen Idealismus, der besagt, daß physische Prozesse und psychologisches Geschehen kausal miteinander verknüpft sind, widerspricht die Mystik unumstößlich der Vorstellung, daß emotionales Leid durch menschlichen Eingriff gelindert werden kann. Diese absolute Gegenüberstellung von Psyche und Soma ist die Grundlage aller gegensätzlichen Paare, die von der Mystik erstellt wurden, wie Sexualität gegen Moral, Natur gegen Kultur, usw. Extreme Beispiele sind die religiösen Sekten, die jede Art von medizinischen Eingriffen ablehnen. Mit dieser Ablehnung ist eine fatalistische und resignative Haltung verbunden. Die meisten Religionen mußten im Laufe der Geschichte rein körperliche Interventionen anerkennen. Das mystische Vertrauen in Gott, Christus, Buddha, etc. ersetzt den orgonotischen Kontakt mit den bioenergetischen Funktionen des Individuums. Diese Energie wird irgendwie gespürt, aber nur in verzerrter Weise aus der Ferne. Daher bleibt jede direkte physische Manifestation der Lebenskraft (Gott) unerkennbar und ein Tabu für naturwissenschaftliche Untersuchungen.

Monismus (7 ↑ 8 in Abb. 1). Die Alexander-Methode, ganzheitliche Beratung, sowie einige Körpertherapien illustrieren die therapeutische Anwendung des Monismus. Der einheitliche Aspekt des Individuums, der "ganze Mensch" wird betont. Da Körper und Geist als eins betrachtet werden, ist die Integration der psychischen und somatischen Aspekte des Organismus das Ziel. Körperliches und geistiges Wohlbefinden, das Funktion eines "Gleichgewichts" von Körper und Geist ist, wird betont. Alle Pathologie resultiert aus einem Ungleichgewicht. Die psychosomatische Antithese, die in den früheren Ansätzen so stark betont wird, wird ignoriert. Pathologische Mechanismen und unterschiedliche Krankheitszustände, die eine Widerspiegelung des Gegensatzes und Zusammenspiels der psychischen und körperlichen Kräfte sind, werden ständig übersehen. Wegen ihrer Nähe zum gemeinsamen Funktionsprinzip des Lebens, verwenden ganzheitliche Therapien oft energetische Konzepte. Die Funktionen des Organismus werden in erster Linie als energetische Phänomene betrachtet. Wenn spezifische Funktionen angesprochen werden, werden diese Begriffe jedoch unklar und verworren. Sie versagen dann, wenn die Probleme beim Festlegen der Energiefunktionen tatsächlich beginnen. Abgesehen von dieser Einschränkung dringt der Monismus jedoch tiefer vor als die bisherigen Ansätze, da er die Identität der psychosomatischen Prozesse anerkennt. Monisten können die Tatsache würdigen, daß psychische Spannungen entladen werden, wenn muskuläre Spannungen ebenfalls freigesetzt werden. Durch das Konzept der körperlichen Toxine haben sie einen allgemeinen Zugang zu DOR, wenn auch auf eine abstrakte Weise. Da es keine Kenntnis von konkreten Körperfunktionen gibt, sind diese Konzepte vage und nicht ausreichend definiert. Sexuelle Kriterien werden gänzlich ignoriert. Das Ziel der ganzheitlichen Therapien ist "Wohlbefinden" bzw. "das Erreichen der körperlichen, geistigen, emotionalen und spirituellen Gesundheit". "Blockierte" Energie muß freigesetzt und "innere Ruhe" erfahren werden. Es ist klar, daß dieser Ansatz nicht ohne mystische Aspekte einhergeht.

Der Vorteil des Monismus liegt in seiner Fähigkeit, sich auf den ganzen Menschen zu konzentrieren, aber dies geschieht auf Kosten der Tatsache, daß er unfähig ist, diskrete Mechanismen zu identifizieren, die dem pathologischen Funktionieren zugrundeliegen.

Orgonomischer Funktionalismus. Der funktionelle Ansatz für das psychosomatische Problem ist in der Praxis der medizinischen Orgonomie gegeben, die die vielen autonomen Funktionen des Biosystems berücksichtigt. Um genau zu sein, leiten sich die verschiedenen biologischen Funktionen aus einer gemeinsamen Quelle her, der biologischen Orgonenergie (9 in Abb. 1). In einem bestimmten Bereich sind verschiedene Funktionen identisch (7, 8), in einem anderen Bereich streben sie auseinander (5, 6) oder sie können parallel verlaufen, unabhängig voneinander (3, 4), oder sie sind schließlich konvergent, d.h. sie ziehen sich gegenseitig an bzw. beeinflussen einander nach dem Prinzip der Antithese (1, 2).

Um ein konkretes Beispiel zu geben: Der Organismus stammt aus der befruchteten Eizelle, die entsprechend der einfachen pulsatorischen Funktion von Expansion und Kontraktion der biologischen Orgonenergie arbeitet (9). Auf dieser Stufe gibt es die psychosomatische Antithese nicht, einfach nur die plasmatische Pulsation. Aus dieser einheitlichen Zelle entwickeln sich, auf Grundlage der viertaktigen Orgasmusformel, sowohl die somatischen als auch die psychischen Funktionen des zukünftigen Organismus in einem einheitlichen Zweig (7, 8). Es gibt noch keine Differenzierung in psychische und somatische Funktionen. Dies entspricht dem Blastozystenstadium der embryonalen Entwicklung. Von der Gastrulation anwärts sehen wir, wie der Prozeß der psychosomatischen Differenzierung abläuft. Die Organogenese während des ersten Trimesters steht für die Entwicklung der Organe des Körpers und das erste Auftreten der psychischen und somatischen Bereiche. In diesem Zeitabschnitt werden die emotionalen Funktionen nicht über die Wahrnehmung von Lust und Angst hinaus entwickelt.

Bereits bei der Geburt bilden Soma und Psyche zwei Zweige eines einheitlichen Apparats (5, 6) – die Organfunktionen und die Lust-Angst-Funktionen. Der bioenergetische Zweig, der ihnen gemeinsam ist (7, 8), bleibt bestehen. Ab diesem Zeitpunkt und für die nächsten Jahre verläuft die psychische und die somatische Entwicklung unabhängig voneinander und parallel zueinander (3, 4). Während sich diese Funktionen mehr und mehr entwickeln und Bewußtsein erscheint, beginnen sie einander zu beeinflussen (1, 2). Die verschiedenen Organe des Körpers sind entstanden und entwickeln sich weiter. Zur gleichen Zeit verzweigt sich die Lust-Angst-Funktion in die drei grundlegenden Emotionen Freude, Angst und Wut. Die Wahrnehmungs-Funktion beginnt aufzutauchen und sich parallel zur somatischen Entwicklung zu entfalten. Zunächst beginnen sich die Funktionen der Fernrezeptoren (Augen und Ohren) zu organisieren. Danach wird das sensomotorische System des Zentralen Nervensystems in cephalo-kaudaler Richtung integriert. Die Entwicklung der Wahrnehmungs-Funktion, die auf der neuronalen Organisation des Großhirns beruht, geht autonom, unabhängig vom Wachstum der Körperorgane vor sich. Dennoch werden beide Entwicklungsreihen mit Energie aus einer gemeinsamen Quelle (9) gespeist in Form des Autonomen Nervensystems. Das Wachstum der Organe und die Entwicklung von Emotionen und der Wahrnehmungsfunktion hängt vom autonomen Lebensapparat ab, dem plasmatischen System.

In Bezug auf die synergistische Wirkung der psychosomatischen Beziehung schreibt Reich:

In den ersten Monaten des postnatalen Lebens kann man beobachten, wie die Organfunktionen (Bewegungen der Augen, Arme und Beine, Greifen, Aufrechtsitzen, etc.) miteinander zu einer Totalität koordiniert werden, während auf der anderen Seite die Lust-, Angst- und Wutreaktionen ebenfalls detaillierter, koordinierter und einheitlicher werden. Dann folgt Schritt auf Schritt der Kontakt zwischen den Organbewegungen und der Organwahrnehmung, die Reaktion der Organe auf Wahrnehmung und die Reaktion der Wahrnehmung auf Organbewegungen. Mit der Koordinierung der einzelnen, bis jetzt ziellosen Bewegungen zu zielgerichteten Bewegungen und ganzheitlichen Körperbewegungen; mit der Koordinierung der einzelnen Sensationen in der Wahrnehmung des gesamten Körpers; und mit der Koordinierung des ganzkörperlichen Impulses mit der Körperwahrnehmung entwickelt sich allmählich das, was wir Bewußtsein nennen. Die unzähligen einzelnen Funktionen fahren fort, unabhängig zu funktionieren, aber zur gleichen Zeit bilden sie ein einheitliches Ganzes und beeinflussen einander synergistisch und antagonistisch. Mit der Funktion beispielsweise des Gehens entsteht das Ziel der Fortbewegung, etwa den Tisch zu erreichen. Die Funktion bestimmt das Ziel, nicht – wie die Vitalisten glauben – das Ziel die Funktion. Aber die Funktion bestimmt auch die chemisch-physikalischen Prozesse und nicht umgekehrt, wie die Mechanisten annehmen. (1)
Wir sehen den Vorteil der Anwendung des funktionellen Denkens gegenüber traditionellen Formen des Denkens. Je genauer unsere Beobachtungen werden, desto flüssiger, umfassender und einheitlicher sind die Schlußfolgerungen. Funktionelles Denken befaßt sich mit Identitäten und Antithesen neben anderen Funktionen. Es erkennt die Übergänge von der einen zur anderen Funktionsweise. Es folgt jedoch bestimmten Denkgesetzen. Wegen seinem umstrukturierten Charakter und seiner Fachausbildung ist der medizinische Orgonom bestens dafür ausgestattet, Patienten zu verstehen und ihnen zu helfen, ihre emotionalen Schwierigkeiten zu überwinden. Die einzigen praktischen Beschränkungen der Orgontherapie sind in der Struktur des einzelnen Therapeuten begründet und in der Fähigkeit des Patienten, biophysische Expansion zu tolerieren. Im Gegensatz zu anderen Therapieformen ist die medizinische Orgonomie keine unflexible Methode des Denkens, die starr auf jeden Patienten unabhängig von seinen emotionalen Problemen angewendet wird. Sie besteht aus einer Denkweise, die die therapeutische Technik von der besonderen biopsychiatrischen Struktur des jeweiligen Patienten ableiten kann. Abhängig von der gegebenen klinischen Situation stehen dem Orgonomen Elemente aus jedem der oben genannten therapeutischen Modalitäten zur Verfügung. Er ist charakterologisch nicht in einer rigiden Art und Weise auf einen bestimmten Ansatz festgelegt. Er leitet ständig die Form der Therapie von der klinischen Situation und den Bedürfnissen des Patienten ab.

Im Gegensatz dazu paßt die Behandlung des gepanzerten Therapeuten die Patienten an die Therapie an. Dies kann für eine Weile funktionieren, wenn die Bedingungen vorteilhaft sind, aber früher oder später fährt sich die Therapie fest. Gepanzertes Denken ist starr, einseitig und idealistisch. Beispielsweise werden bestimmte Haltungen und Ideen hochgeschätzt und mit Gesundheit und dem Guten gleichgesetzt wie Liebe, Arbeit, positiv eingestellt sein, etc. Nicht nur, daß dieser Ansatz die Realität ignoriert, daß sogar Liebe und Arbeit reaktiv sein können und daß Positivismus Ausdruck einer neurotischen Haltung sein kann, vielmehr ist es auch so, daß es in bestimmten Fällen für den Patienten notwendig ist, Haß zu spüren und auszudrücken. Der Funktionalismus geht davon aus, daß es nicht eine bestimmte Vorstellung, Haltung oder Emotion gibt, die gesund oder neurotisch wäre, sondern davon, welcher Funktion sie dient in Bezug auf eine gegebene Charakterstruktur oder auf eine bestimmte Situation. Beispielsweise kann im Falle eines Masochisten eine "positive" Einstellung ein gesundes Zeichen bei der Bewältigung der gefürchteten Angst vor Expansion sein. Bei einem anderen Charaktertyp kann die gleiche Haltung eine Abwehr darstellen.

Die Beschränkungen, mit denen wir es zu tun haben, liegen nicht in der Therapiemethode begründet. Sie liegen in der Struktur des Therapeuten, die ihn daran hindert, die Technik der Orgontherapie in vollem Maße zu nutzen.

 




Literatur

  1. Reich, W.: "Orgonotic Pulsation", International Journal of Sex-Economy and Orgone Research, 3, 1944
  2. Herink, R.: The Psychotherapy Handbook. New York: The New American Library, 1980
  3. Baker, E.F.: "Lay Therapists", Journal of Orgonomy, 11(1):62-67, 1977
  4. Fenichel, O.: Psychoanalytische Neurosenlehre, 3 Bände, Olten/CH: Walter-Verlag 1974ff
  5. Reiser, M.: Mind, Body and Brain: Toward a Convergence of Psychoanalysis and Neurology, New York: Basic Books, 1984

 


Fußnoten

(1) Bioenergetische Analyse, Primärtherapie, Körperenergietherapie, Bioschreipsychotherapie, etc.