DIE ZEITSCHRIFT
FÜR ORGONOMIE

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens.
Sie sollten es auch beherrschen.

WILHELM REICH

 



ÜBERBLICK
ZEITSCHRIFT
Orgonomie
Medizinische Orgontherapie
Ereignis
Psychiater
Mechanistische Medizin
Emotionelle Pest
Einjähriges Baby
Kindertherapie
Kinder und Jugendliche
Psychosomatik
Therapeutische Beziehung
Mystizismus (I)
Mystizismus (II)
Familientherapie
Erste Hilfe (I)
Erste Hilfe (II)
Diagnose
Visuelle Angstreaktion
Panikattacken
Angst
Anorexia nervosa
Schizophrenie (I)
Schizophrenie (II)
Schizophrenie (III)
Adipositas
Intermittierende Behandlung
Andere Verfahren
Laientherapeuten (I)
Laientherapeuten (II)
Impressum

 

 

Charles Konia
Vittorio Nicola

ORGONTHERAPIE: DIE ANWENDUNG DES FUNKTIONELLEN DENKENS IN DER MEDIZINISCHEN PRAXIS (TEIL XVI: KINDER UND JUGENDLICHE)

Charles Konia, M.D.

The Journal of Orgonomy vol. 29/1, 1995
The American College of Orgonomy

 

Kinder

Wenn die starre Panzerung des Menschentiers das gemeinsame Grundprinzip all seines emotionalen Elends ist; wenn es diese Panzerung ist, die ihn einzig unter den biologischen Arten außerhalb der Grenzen natürlichen Funktionierens versetzt, ergibt sich logisch, daß Prävention von starrer Panzerung das zentrale Hauptanliegen präventiver Mentalhygiene ist.

Wilhelm Reich (1:16)

Es gibt zwei Aspekte der orgonomischen Neonatologie, Perinatologie und Pädiatrie, die wesentliche Elemente in der Ausbildung von jedem medizinischen Orgonomen sind. Dies wären:

  • das Studium ungepanzerter Säuglinge, Kinder und Jugendlicher, einschließlich dem Wissen, wie man der Panzerung bei Neugeborenen vorbeugen kann, und
  • das biopathische Kind muß begriffen werden, einschließlich der Beseitigung von Panzer bei Kindern und Jugendlichen.
Über ungepanzerte Menschen ist wenig bekannt, vor allem, weil die Bedingungen in unserer Gesellschaft das Großziehen gesunder Kinder fast unmöglich macht. Darüber hinaus ist es aufgrund struktureller Einschränkungen für gepanzerte Menschen einfach nicht möglich, ein akkurates Verständnis des menschlichen gesunden, ungepanzerten Organismus zu erzielen. Im Gegensatz dazu sah Reich von außerhalb der engen gepanzerten Perspektive, daß das neugeborene Kind vor allem ein orgonotisches System ist, ein Stück lebendiger Natur, das von bestimmten bioenergetischen Gesetze regiert wird und daß soziale Bedingungen die gesetzmäßigen Prozesse stören, die der Entwicklung des gesunden Kindes eigen sind. Panzerung von Kindheit und Jugend und seine schädlichen, weitreichenden Konsequenzen für das Individuum und für die Gesellschaft ergibt sich aus diesen Eingriffen.

Prävention chronischer Panzerung ist das zentrale Ziel der orgonomischen Mentalhygiene. Orgontherapie von Kindern und Jugendlichen ist somit ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung jedes medizinischen Orgonomen. Nicht nur sind die Manifestationen der Panzerung bei Kindern viel leichter zu erkennen, auch läuft die Entfernung von Panzer schneller ab als bei Erwachsenen. Das ist so, weil beim Kind der Panzer noch nicht so verfestigt ist. Auch ist die Ideenbildung und deren Abwehrfunktion nicht voll ausgebildet. Okularer Panzer ist von daher nicht so tief verwurzelt wie bei den Erwachsenen. Schließlich ist, da Genitalität, bis das Kind etwa vier oder fünf Jahre alt ist, nicht etabliert ist, das Behandlungsziel die Beseitigung jedes Hindernisses, das die natürliche Entwicklung in Richtung auf vollständige Genitalität stört. Dieser Differenzen ungeachtet, unterscheidet sich Orgontherapie von Kindern grundsätzlich nicht von der von Erwachsenen – das Entfernen des Panzers mit der Herstellung spontaner Bewegung. Da die Bildung des Charakters in der Regel erst nach Ablauf der ödipalen Phase abgeschlossen ist, erfolgt das Entfernen des Panzers fast vollständig durch somatische Interventionen, nicht durch Charakteranalyse.(1)

Der medizinische Orgonom nimmt, vor dem Hintergrund des bisherigen Funktionieren des Kindes und den Ergebnissen der biophysischen Untersuchung, das biophysische Gesamtbild wahr und konzentriert sich bei der therapeutischen Intervention auf das Segment mit dem Hauptpanzer.(2) Häufig stellen sich positive Resultate schnell und dramatisch ein.

Die Vorläufer des erwachsenen Charakters finden sich in den typischen Verhaltensweisen des Kindes. Da sich das Kind in einer Phase schneller Entwicklung befindet, trifft man u.a. auf Reifungsstörungen wie Bettnässen, Sprech- und Sprachstörungen und Lernschwierigkeiten. Dies sind oft die vorgebrachten Symptome, wenn Kinder und Jugendliche zur Therapie kommen. Um zu wissen, wie vorzugehen ist, muß der medizinische Orgonom die Funktion der Verhaltens- und Entwicklungsstörungen der Kindheit richtig einschätzen. Da diese Probleme innerhalb des Familienmilieus entstehen bzw. sich entwickeln, ist eine genaue Einschätzung der Beziehung des Kindes zu den unterschiedlichen Familienmitgliedern, vor allem den Eltern, und seiner Entwicklungsstufe unerläßlich. Diese Einschätzung beruht teilweise auf der Kenntnis der Determinanten der Charakterbildung(3) und anderer Faktoren, die Panzer in nichterogenen Segmenten hervorruft.

Mit der Bewertung dieser Faktoren bestimmt der Therapeut, ob es das Kind, die Eltern oder sowohl das Kind als auch die Eltern sind, die behandelt werden müssen. In manchen Fällen wird das Kind für die Therapie akzeptiert und der Beitrag der Eltern zum Problem wird mittels oberflächlicher Beratung behandelt. In anderen Fällen, wo der Beitrag der Eltern zu den Problemen des Kindes tiefreichender ist, kann es für einen oder beide Elternteile angeraten sein, eine Therapie zu beginnen mit oder ohne Therapie für das Kind. Es kommt vor, daß die Eltern das Kind für die Therapie vorstellen als Abwehrmanöver ihrerseits; ein versteckter Fingerzeig, daß die Eltern und nicht das Kind Hilfe benötigen. Aus diesem Grund muß der Motivation der Eltern, ihr Kind zur Therapie zu bringen, entschieden nachgegangen werden.

Sobald das Kind in Behandlung ist, kann sich das Ausagieren von Konflikten durch entsprechende Verhaltensmanifestationen entweder auf die Beziehung zum Therapeuten allein oder sowohl auf den Therapeuten als auch auf die Eltern erstrecken. Die Bedeutung dieses Verhaltens muß richtig verstanden werden.

Es gibt mehrere andere Unterschiede, die die Orgontherapie von Kindern von der von Erwachsenen unterscheidet. Es wird aufgrund seiner Unreife vom Kind nicht erwartet, daß es die Verantwortung dafür trägt in Therapie zu sein, im Gegensatz zu Erwachsenen, die sich zuerst auf den therapeutischen Prozeß einlassen müssen. Die Präsentation des Säuglings oder Kindes für die laufende Behandlung liegt in der Verantwortung der Eltern. Dies ist ein weiterer Grund dafür, daß die Beweggründe der Eltern das Kind zur Therapie zu bringen, eindeutig verstanden werden müssen. Außerdem ist wegen der kontinuierlichen Beziehung des Kindes zu den Eltern, die wesentlich für die Entwicklung des Kindes ist, Übertragung nicht immer ein wesentlicher Aspekt der Therapie. Wie im Fall von Erwachsenen können Übertragungssituationen entstehen, wenn Gefühle des Kindes gegenüber einem Elternteil oder dem Therapeuten blockiert sind.

Und schließlich: obzwar sich eine Charakterstruktur ausformt, fällt möglicherweise eine genaue Diagnose schwer, weil sich die Pathologie des Kindes im Verhalten manifestiert. Im Gegensatz zur Orgontherapie von Erwachsenen ist dies kein wesentliches therapeutisches Hindernis. Stattdessen wird der Therapeut von den oberflächlichen Verhaltensäußerungen des Kindes geleitet und auch durch die Lage und den Schweregrad des somatischen Panzers. Für den gut ausgebildeten medizinischen Orgonomen reichen diese Zeichen und Symptome, dem Verlauf der Therapie den Weg zu weisen.

 

Die Entwicklung des Panzers bei Kindern

Aus funktioneller (energetischer) Sicht ist das Baby bzw. das Kind ein expandierendes orgonotisches System, das schnell wächst und sich entwickelt. Entwicklungsstörungen dieses Systems können jederzeit auftreten. Je früher die Störung desto gravierender sind die Auswirkungen. Die Entwicklung des Kindes läßt sich in vier Etappen ordnen: pränatal, Geburt, postnatal (bis etwa fünf oder sechs Jahre) und schließlich Pubertät und Adoleszenz. Zu jeder Zeit können Störungen eingeteilt werden, je nachdem, ob sie von den Eltern, anderen exogenen Quellen oder aus einer Kombination von beiden stammen.

 

Die pränatale Periode

Ab dem Zeitpunkt der Empfängnis erfährt der mütterliche Organismus eine tiefgreifende biophysische Expansion mit Schwellung und orgonotischer Aufladung des Gewebes. Beim Menschen dauert dies neun Monate und bereitet den stundenlangen Geburtsprozeß vor, der konvulsiven Phase (Entladung und Entspannung) des pulsatorischen Zyklus. Damit sind Schwangerschaft und Geburt einfach zwei Teilfunktionen des pulsatorischen Kreislaufs von Expansion und Konvulsion. In diesem Zyklus entwickelt sich die einzellige befruchtete Eizelle zu einem hochorganisierten mehrzelligen System zum Zeitpunkt der Geburt. Innerhalb dieses einzelnen Zyklus gibt es unzählige andere Zyklen kürzerer Dauer, die die fetale Entwicklung sowohl im Hinblick auf die Spezialisierung von Funktion als auch auf das Wachstum regeln. Bei der Geburt ist das ungepanzerte Kind bereit, sein selbständiges Leben zu beginnen, wenn es auch noch für die weitere optimale Entwicklung abhängig vom orgonotischen Kontakt mit der Mutter ist.

Genetische Fehlfunktionen spiegeln eine Störung in der expansiven Phase früh im pulsatorischen Zyklus wider und führen zum Spontanabort, wenn während des ersten Trimesters Vitalfunktionen beeinträchtigt werden. Die schädlichen, irreversiblen Auswirkungen auf den sich entwickelnden Fötus durch Alkohol, Nikotin und andere Drogen, die von der werdenden Mutter eingenommen werden, sind wohlbekannt. Weniger gut verstanden sind jedoch die Auswirkungen einer stark kontrahierten gepanzerten mütterlichen Gebärmutter auf die fetale Pulsation. Durch das Behindern der Pulsation und damit des Wachstums und der Entwicklung der befruchteten Eizelle und des Fötus, kann dieser Faktor für die Übertragung des Panzers vom Elternteil auf den Nachkommen jederzeit während der Schwangerschaft verantwortlich sein. In gleicher Weise, da man Störungen im genetischen Funktionieren nicht von der pulsatorischen Funktion der Zellteilung trennen kann, können die schädlichen Auswirkungen einer kontrahierten Gebärmutter eine beträchtliche Verzögerung oder sogar einen Stillstand der fetalen Entwicklung hervorrufen. Dies erklärt die Schwächung des fetalen Biosystems, die zu einer genetischen Fehlbildung führen kann. Dieses Thema wird weiter ausgearbeitet werden, wenn die genetische Funktion in größerem Detail diskutiert werden wird. Störungen der Pulsation des Uterus verursachen auch spezifische Pulsationsstörungen im Fötus. Unregelmäßigkeiten der fetalen Atembewegungen werden z.B. häufig bei sonographischen Untersuchungen während des letzten Trimesters beobachtet. Dies könnte ein Hinweis auf fetalen Thorax-oder Zwerchfellpanzer sein und daß der Prozeß der Panzerbildung in der Gebärmutter stattfindet.
(4)

 

Die Geburt

Sehr schmerzhafte Wehen, die die Geburt des Fötus unterbrechen, entstehen aus einer Störung der konvulsiven Phase des pulsatorischen Zyklus und sind Folge des Beckenpanzers. Was ihre Herkunft betrifft sind sie mit Menstruationsbeschwerden und -krämpfen verwandt. Beide sind Ergebnis der intensiven energetischen Expansion (mit dem Ausstoß von Inhalten des Beckens) bei Vorhandensein chronischen Beckenpanzers.(5) Der Organismus ist in einem Zustand mechanischer Schwellung und energetischer Ladung festgefahren.

Aus dieser energetischen Sicht versucht eine angemessene Geburtsvorbereitung bei der Mutter ungehinderte orgonotische Pulsation aufrechtzuerhalten, Kontakt mit ihr selbst und Kontakt mit dem Fötus, soweit es ihre bio-physische Struktur erlaubt. Die Mutter hat im Idealfall wenig oder gar keinen Panzer, und es gibt keine externen Hindernisse für den Geburtsvorgang. Das andere Extrem ist, daß die Mutter so schwer im Becken gepanzert ist oder derartig wenig Beziehung zu ihren Körperempfindungen hat, daß eine vaginale Entbindung kontraindiziert ist. Die meisten Frauen befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Während der Geburt auftretende Pulsationsstörungen ergeben sich aus der anhaltenden Wirkung der chronisch kontrahierten Gebärmutter. Die Auswirkung des mütterlichen Beckenpanzers auf den Fötus bleibt während allen Phasen der Schwangerschaft gleich: die fetale Entwicklung ist behindert mit der Ablagerung von Panzer entweder in akuter oder in chronischer Form. Die Annahme ist folgerichtig, daß die Panzerung des Neugeborenen leichter in jenen Segmenten auftritt, die biologisch anfällig sind. Dies ist der "genetische" Faktor, der in einer Schwächung der fetalen Pulsationsfunktion in einem früheren Entwicklungsstadium besteht.(6)

Die zerstörerischen traumatisierenden Auswirkungen des kalten unwirtlichen Krankenzimmers und des Kreissaals, die mechanische, unpersönliche Behandlung von Mutter und Neugeborenem durch die Krankenhausmitarbeiter, die Leuchtstoffröhren und harten Töne addieren sich während der Geburt zu den schädlichen Auswirkungen des mütterlichen Panzers und schädigen das Neugeborene weiter. Sogar die "Fortschritte" der modernen Medizin, wie dem Kardiotokographen und die intravenöse Verabreichung von Oxytocin-Präparaten, um die Geburt zu induzieren, stören den natürlichen Prozeß von Geburt und Entbindung und sind mit höheren Raten von Kaiserschnittgeburten verbunden. Ein zusätzliches schädigendes Trauma tritt in Gestalt der Isolation des Neugeborenen von der Mutter auf, Pucken, ständige Exposition mit unwirtlichen Leuchtstofflampen in der Kinderkrippe und die Beschneidung der kleinen Jungen. Alle diese Methoden werden rationalisiert als "zum Wohle" des Neugeborenen. Ist es ein Wunder, daß mit dieser maschinen-artigen Behandlung zum frühestmöglichen Zeitpunkt des postnatalen Lebens viele Kinder weit hinter ihrem biologischen, emotionalen Potential zurückbleiben und oft als hyper- oder hypoaktiv, "seltsam" oder unkonzentriert gelten?

 

Der postnatale Zeitraum bis zum Alter von sechs Jahren

Obwohl Reich sein Verständnis von Charakterbildung und ihrer Determinanten während seiner psychoanalytischen Zeit formulierte, als die Existenz der biologischen Orgonenergie nicht bekannt war, bleibt dieses Verständnis heute unverändert gültig. Reichs Denken in funktionell-energetischen Begriffen ermöglichte es ihm, die Dynamik der Charakterbildung zu verstehen, sogar bevor die spezifischen bioenergetischen Funktionen, die ihnen zugrundeliegen, entdeckt waren. Eltern und psychosoziale Fachkräfte über die Grundlagen des orgonomischen Wissens aufzuklären, kann Panzerung in der Kindheit verhindern, wenn im Erwachsenen ausreichend Gesundheit vorhanden ist, um die Wahrnehmung der Bedeutung dieser Konzepte zu ermöglichen.

Zu keiner anderen Zeit werden die biologischen Bedürfnisse des Säuglings so unzureichend erfüllt wie zum Zeitpunkt der Geburt. Die harsche und unmenschliche Behandlung, die das Neugeborene erfährt, bleibt fast immer unbemerkt. Wegen ihrem eigenen Panzer haben die Erwachsenen, die an der Versorgung des Neugeborenen beteiligt sind, kein Sensorium für ihre destruktiven Verhaltensweisen. Diese offensichtliche Vernachlässigung wird durch ihre eigene gepanzerte Charakterstruktur verursacht und ist die physische Grundlage für das Weitertragen des Panzers von einer Generation zur nächsten.

Die Antwort des Neugeborenen auf dieses harsche Willkommen besteht darin, sich zu schützen. Da der Solarplexus den biologischen Kern bildet, besteht die erste Verteidigung des Organismus darin, den Energiefluß (Emotion) dadurch zu hemmen, indem er sich im Zwerchfell panzert. Er panzert sich dann im okularen Segment gegen die schmerzhafte Wahrnehmung der äußeren Welt. Diese Abwehrmanöver sind nur der Anfang eines systematischen Panzerungsprozesses, den praktisch jeder Säugling durchmacht. Die Unterbrechung der okularen Entwicklung behindert die Fähigkeit des Kindes (und des späteren Erwachsenen), die Welt in einer unverfälschten Art und Weise zu sehen und rationale Lebensentscheidungen zu treffen. Es ist auch die Grundlage für jede Art von politischem Irrationalismus.

Sowohl die ausbleibende Befriedigung beim Stillen aufgrund einer energetisch unempfänglichen mütterlichen Brustwarze als auch übermäßiges Stillen als Versuch Befriedigung zu finden, führen beide zu oralem Panzer, der sich im späteren Leben in solche Symptomen wie Depression, Hilflosigkeit, Stimmungsschwankungen, etc. manifestiert. Eine weitere biophysische Folge gestörten Stillens ist Panzerung von Kopf und Hals, was zu einer schlechten Augen-Hand-Hals-Koordination führt, zu Sprachstörungen verschiedenster Art wie Stottern, Mutismus und lakonische Sprechweise, Eßstörungen, Angst vor oder Abneigung gegen Küssen, hysterischem Erbrechen, etc. Somatische Symptome sind eine Veranlagung zu Allergien, Schwächung der Immunfunktion, Fettleibigkeit, Fehlernährung, etc.

Die wichtigste Änderung in der Kinderbetreuung, die mit einem Schlag zu einer generalisierten Reduktion des Panzers bei der Menschenrasse führen würde, wäre Sicherung und Schutz des ununterbrochenen orgonotischen Kontakts zwischen Mutter und Kind. Der orgonotische Kontakt, die wichtigste Erfahrung und das wichtigste emotionale Element in der Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind, wird erhalten, indem die beiden Energiesysteme nach der Geburt vereint bleiben, wie sie es während der Schwangerschaft waren (1). Praktisch gesehen bedeutet dies nicht nur, daß das Kind nicht von der Mutter getrennt wird, sondern auch, daß beiden die Gelegenheit gegeben wird, ohne Unterbrechung Kontakt zu haben in einer geschützten, die Privatsphäre sichernden Umgebung.

Oraler Kontakt mit der Mutter, einschließlich dem Stillen, ermöglicht es dem postnatalen Integrationsprozeß ohne Unterbrechung weiterzugehen. Natürlich muß die Mutter für diese Bedürfnisse selbst ausreichend kontaktvoll und dazu emotional in der Lage sein. Diese Voraussetzung für das Kindeswohl wirft die wichtige aber noch weitgehend ignorierte Frage nach der Verantwortung und biophysischen Gesundheit der Mutter auf.

In der gesunden Entwicklung geht das Kind direkt von der oralen in die genitale Phase über. Die anale Phase, ihre Merkmale und Symptome, ist demnach ein Artefakt unserer gepanzerten Gesellschaft. Sie ist ein Ergebnis davon, daß die Mutter übermäßig Kontrolle über das Kind ausübt und die Entwicklung des Kleinen nach seinen eigenen Bedürfnissen verhindert. In der Regel liegt der Fokus der mütterlichen Kontrolle nicht ausschließlich beim Toilettentraining, sondern ist umfassender und beinhaltet viele Bereiche im Leben des Kindes (z.B. die Behinderung von Impulsen zu mehr Unabhängigkeit, etc.). Das Endergebnis ist ein klammerndes Kind, das Angst davor hat unabhängig zu sein und dessen Impulse in die Welt hinauszugreifen mehr oder weniger tiefgehend gehemmt sind.

Im Alter von etwa Vier bis Sechs ist die biophysische Integration bis zu dem Punkt vorangekommen, daß ein Gutteil der verschiedenen Komponenten des jungen Organismus als integriertes Ganzes funktioniert. Energie fängt nun an, sich in den Genitalien zu konzentrieren, was zur ersten Pubertät führt. Die Psychoanalyse bezeichnet diese Periode als ödipale Phase und glaubt fälschlicherweise, daß der genitale sexuelle Konflikt zwischen dem Kind und dem Elternteil des anderen Geschlechts eine angeborene Tendenz sei. Dieses Mißverständnis entsteht, weil nicht zwischen der gesunden und einer neurotischen Entwicklung des Kindes unterschieden wird. Wenn man den Ausdruck der früheren Entwicklung und Sexualität des Kindes ohne Behinderung durch soziale (elterliche) Verbote zuläßt, tritt der ödipale Konflikt, ein Ergebnis der Blockade und Verschiebung der sexuellen Gefühle des Kindes auf das Elternteil des entgegengesetzten Geschlechts, nicht auf. Stattdessen richtet sich das sexuelle Interesse und das Augenmerk des Kindes altersentsprechend auf die Gruppe der Gleichaltrigen und der genitale Primat wird bald hergestellt. Frustrationen dieser Impulse zum Zeitpunkt der ersten Pubertät führen zu Störungen, die mit dieser Zeit zusammenhängen – in den meisten Fällen die Bildung einer phallischen Charakterstruktur bei Knaben und einer hysterischen Charakterstruktur bei Mädchen, was eine direkte Folge des ödipalen Konflikts ist.

Die phallische Phase ist somit eine weitere Folge unserer gepanzerten Zivilisation, verursacht durch Vereiteln der genitalen Impulse des Kindes. Diese genitalen Impulse verwandeln sich in den Drang nach Rache, zuerst gegen das Elternteil und schließlich gegen alle Mitglieder des anderen Geschlechts. Gleichzeitig nimmt das Kind eine Haltung der Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen des gleichen Geschlechts ein.

Ein übliches Problem der Kindererziehung entstammt der Unsicherheit bzw. der Konfusion darüber, in welchem Ausmaß ein bestimmter Impuls des Säuglings oder des Kindes befriedigt werden muß. Dies ist der entscheidende Faktor der Charakterbildung, den Reich als das Verhältnis zwischen Befriedigung und Frustration eines Impulses benannte. Wenn wenig oder gar keine Befriedigung der erogenen Impulse in einer bestimmten psychosexuellen Entwicklungsphase zugelassen wird, entwickelt das Kind eine schwere Blockierung in dieser Zone und eine ausgeprägte Verdrängung ist das Ergebnis. Eine schwerwiegende Blockierung während der oralen Phase führt beispielsweise zu einer Hemmung der oralen Funktion mit Symptomen wie schlechten Eßgewohnheiten, lakonischem oder mangelhaftem Sprechen, Depression, etc. Wenn auf der anderen Seite Impulse zunächst befriedigt werden dürfen und dann einer Blockierung zum Opfer fallen, bleibt das Kind chronisch unbefriedigt und ist stets darum bemüht Befriedigung zu erlangen. Im Falle der oralen Phase führt diese Situation beispielsweise zu Völlerei, Geschwätzigkeit, usw.

Emotionale Probleme, ob nun vom verdrängten oder vom unbefriedigten Typus, entstehen, weil die Mutter nicht genügend Kontakt mit sich selbst und ihrem Kind hat, um wahrzunehmen ("zu spüren"), wenn das Kind Befriedigung benötigt oder genug hat. Fragen wie die folgenden sind auch für wohlmeinende Eltern aufgrund ihrer eigenen gepanzerten Strukturen unbeantwortbar. Ab wann sollte die Mutter nicht mehr stillen? Wann kann sie durch jemanden anderes ersetzt werden, damit sie beginnen kann, ihr eigenes Leben fortzusetzen und dadurch dem Kleinkind die Möglichkeit geben, ein Gefühl von Unabhängigkeit von ihr zu entwickeln? Wie angebracht ist elterliche Nacktheit vor dem Kind? Wieviel Exhibitionismus des Kindes ist natürlich und wann ist ein neurotisches Übermaß erreicht? Inwieweit und wann ist das Gespräch mit Kindern über sexuelle Angelegenheiten notwendig?

Die Antwort auf solche Fragen hängt genausoviel von der Fähigkeit ab, die Qualität der Bedürfnisse des Kindes zu erkennen, wie von deren Ausprägung. Im gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft überexpansivem Zerfalls neigen Eltern eher zu einem Übermaß an Nachgiebigkeit, was keine Beziehung mit den realen Bedürfnissen des Kindes hat. Das Endergebnis ist ein Individuum mit einer unbefriedigten Charakterstruktur. Probleme, die durch übermäßige, kontaktlose Triebbefriedigung hervorgerufen werden, sind Haltungen und Verhaltensweisen, die von Jammern, Unverschämtheit, Rebellion, Selbstbezogenheit, "Verzogenheit", Anspruchsdenken geprägt sind, übermäßiger Beschäftigung mit dem Körper und materiellem Besitz, Mangel an echtem Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Eltern und anderen Erwachsenen, die sie schützen und erziehen, und Mangel an einem Loyalitätsgefühl für rationale Autorität.

Die Angelegenheit wird weiter erschwert, indem die Eltern aktiv in Wachstum und Entwicklung des Kindes eingreifen. Spontaneität, natürliche Reaktionen und Geselligkeit fallen den neurotische Bedürfnissen und Erwartungen der Erwachsenen zum Opfer, da die "Vergesellschaftung" des Kindes mechanische soziale Verhaltensweisen umfaßt und "Niedlichkeit", Wohlverhalten, usw. belohnt werden. Kinder werden auch Objekte sekundärer, neurotischer Impulse und Bedürfnisse der Eltern, wenn sie auf unangebrachte Weise unterschiedlichen Aspekten der Erwachsenwelt ausgesetzt werden. Infolge bleiben die Kinder verängstigt zurück, verwirrt oder zumindest hegen sie Groll gegen ihre Eltern. Ohne Kontakt zu ihren eigenen Grundbedürfnissen und um schmerzhaften Gefühlen auszuweichen, suchen einige Kinder Ablenkung durch irgendeine Form der äußerlichen Stimulation oder kontaktloser Geschäftigkeit. Diese Verhaltensweisen, die von vielen heutigen Eltern und Erziehern nicht bewältigt werden, werden oft "übersehen", hilflos ignoriert, entschuldigt, oder als "normal" hingenommen. Diese Verhaltensstörungen der Kindheit und der Pubertät, Vorläufer unbefriedigter Charakterpathologie bei Erwachsenen, werden immer häufiger.

Eine häufig übersehene Quelle der Frustration für das Kind tritt auf, wenn seine besonderen, angeborenen Fähigkeiten nicht erkannt und von den Eltern nicht gefördert werden. Dies führt häufig zu einer Störung in der individuellen Arbeitsfunktion im späteren Leben.

Im Rahmen der medizinischen orgonomischen Betrachtungsweise müssen sowohl die Eltern als auch das Kind in den therapeutischen Prozeß involviert werden, um diese Probleme zu lösen.

 

Panzerung bei einem Neugeborenen

Dieser Fall veranschaulicht die Bedeutung früher therapeutischer Intervention bei der Beseitigung von Panzer, sowie die Auswirkungen der akuten, heftigen, mit Oxytocin-Präparaten induzierten Gebärmutterkontraktionen auf den Fötus.

 

Falldarstellung

Der fünf Wochen alte Junge wurde wegen Schwierigkeiten nach der Geburt von seiner 39jährigen Mutter zur Therapie gebracht; nach einer überstürzten, mit Oxytocin-Präparaten induzierten Entbindung.

 

Schwangerschaft

Die Mutter wurde schwanger, während sie noch immer ihr erstes Kind stillte, das fünf Monate alt war. Sie setzte das Stillen bis zum fünften Schwangerschaftsmonat fort, als ihr der Gynäkologe sagte, daß das uterine Kontraktionen herbeiführen könne. Ihre zweite Schwangerschaft war ereignislos, aber stressiger als die erste, weil das ältere Kind noch viel Aufmerksamkeit verlangte.

 

Wehen und Entbindung

Vor der Geburt war ein kleiner Verlust von Fruchtwasser von der Mutter bemerkt worden. Ihr Gynäkologe bestätigte das Vorliegen eines Lecks, obwohl ein Sonagramm ausreichend Flüssigkeit und ein offensichtlich gesundes Fötus zeigte. Er schlug eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus vor, um sofort die Wehen zu induzieren, denn länger als 48 Stunden zu warten, beinhaltete das Risiko einer amniotischen Infektion, was eine Gefahr für das Baby darstellte. Die Eltern waren hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer natürlichen Geburt und dem Wissen um die Folgen des Wartens. Die Einlieferung ins Krankenhaus wurde beschlossen, da Warten nur die Angst der Mutter vergrößern würde, die möglicherweise schädlicher für das Kind sei als die Induktion der Wehen.

Bei Aufnahme waren weder aktive Wehen noch eine Infektion festzustellen, aber das Fruchtwasservolumen war herabgesetzt. Eine intravenöse Infusion mit einem Oxytocin-Präparat wurde angesetzt. Daraufhin setzten intensive schmerzhafte Kontraktionen ein, die die Mutter als hart und unnatürlich empfand. Der Kardiotokograph zeigte eine Verlangsamung des Herzschlags des Babys und der Mutter wurde eine Sauerstoffmaske aufgesetzt, die ihren Terror intensivierte. Um die Verlangsamung zu stoppen, verordnete der Gynäkologe, daß eine Infusion mit Salzlösung in die Fruchtblase eingeführt wurde, um die verlorene Flüssigkeit zu ersetzen und den Fötus von seiner Nabelschnur "freischwimmen" zu lassen. Die Infusion half, die Frequenz der Kontraktionen erhöhte sich, aber der Schmerz wurde unerträglich. Die extreme Angst und die starken Schmerzen machten es für die Mutter schwierig, Kontakt zu halten. Epiduralanästhesie wurde verabreicht und der Schmerz wurde gelindert. Jedoch wurden alle Empfindungen unterbunden. Die Wehen schritten schnell voran und das Kind kam kurz danach zur Welt.

 

Der nachgeburtliche Verlauf

Bei der Geburt hatte das Baby, ein Junge, einen Ausdruck von Sorge und Angst im Gesicht. In der Tat hatte er Angst. Seine Stirn hatte viele tiefe horizontale Furchen und seine Haut war rot. Im Kreißsaal nahm er nach wenigen Augenblicken die Brust, aber es war mehr ein hartes Beißen denn Saugen. Nach dem Stillen im Kreißsaal, wurde das Baby von der Mutter für etwa ein Stunde getrennt. Seine Haut blieb hyperämisch, und der Ausdruck von Angst und Sorge persistierte. Sein Schreien war laut und offen, aber seine Augen waren außer Kontakt. Seine Atmung war tief aber häufig in der Einatmung festgehalten. Die Bewegung war verringert. Wenn er schrie, sah die untere Hälfte seines Körpers fleckig aus und fühlte sich bei Berührung kalt an. Dies wies darauf hin, daß sich das Kind in einem Zustand der schweren biophysischen Kontraktion (Sympathetikotonie) befand.

In den ersten zwei bis drei Tagen wechselten Stillen und Geben der Flasche einander ab. Er fuhr mit dem harten Zubeißen während des Stillens fort und schien mit der Flaschenernährung besser zurechtzukommen. Beim Versuch zu stillen, spürte die Mutter nur begrenzten Kontakt mit dem Baby. Wenn man ihn frontal vors Gesicht hielt, fokussierte das Baby seine Augen direkt über dem Gesicht des Betrachters und versuchte sich mit den Beinen wegzuschieben. Diese Reaktionsweise dauerte viele Wochen nach der Geburt an. Das Stillen wurde nach vier Tagen beendet, aber er nahm die Flasche gut an und schlief fest. Er war ruhig und die meiste Zeit zurückgezogen. Wenn es so aussah, als wolle er Kontakt, schrie er laut. Wenn man ihn eng an sich drückte, vermied er Kontakt, streckte seine Beine aus und zog seine Gesäßmuskeln zusammen, als ob er zu stehen versuchte. Ständig hielt er stark in seinem Gesäß, Beinen und Waden fest.

 

Therapieverlauf

Als ich ihn das erste Mal sah, wirkte er wie ein "kleiner alter Mann".
(7) Seine Augen glänzten und waren nach oben hin abgewendet. Sein Gesäß und seine Beine waren stark verkrampft. Ich massierte sanft seine Beine und sein Gesäß. Er wurde über einen Zeitraum von fünf Monaten hinweg gesehen und allmählich weichte die Muskulatur der unteren Extremitäten auf. Er hörte auf meinen Blick zu meiden und ich hatte den Eindruck, daß er nicht nur mich erkannte, sondern sich freute mich zu sehen. Ich wies die Eltern an, die Beine regelmäßig zu massieren. Er wurde lebendiger und verlor das Aussehen eines "kleinen alten Mannes". Als er zu kriechen begann, wurden seine unteren Extremitäten weiter aufgeweicht. Mit sechs Monaten konnte er gut Augenkontakt halten und er genoß es festgehalten zu werden. Er schien heiter und glücklich zu sein. Nach und nach kam seine zugrundeliegende Aggression zum Vorschein und er bekam den Spitznamen "Kanonenkugel" verpaßt wegen seiner entschlossenen und grundsätzlich aggressiven Natur. Der orgonotische Kontakt zwischen Mutter und Kind nahm zu. Er ist weiter weicher geworden und entwickelt sich normal.

 

Pubertät und Adoleszenz

Die Adoleszenz beginnt mit dem sexuellen Sturm und Drang der Pubertät und endet mit der endgültigen Erstarrung des Charakters und der Persönlichkeit in etwa um den Anfang des dritten Jahrzehnts herum. Es ist der stürmischste Abschnitt im Leben eines Menschen. Sexuelles Verlangen und sexuelle Sehnsucht sind am stärksten ausgeprägt. Der sexuelle Druck der zweiten Pubertät kann frühere Konflikte mit den Eltern verstärken und ist verantwortlich für das widersprüchliche Verhalten, das man bei Jugendlichen so oft beobachtet. Auf der einen Seite befinden sie sich in offener Rebellion gegen die Autorität und andererseits sehnen sie sich nach Autorität, Konformität und gesellschaftlicher Akzeptanz. Diese Verhaltenstendenzen sind in alternierender Form eine direkte Manifestation der gegnerischen Kräfte im Panzer des Jugendlichen, die nicht vollständig strukturalisiert sind.

Der Zerfall der Sozialstruktur, der um 1960 herum begann, hatte verheerende Auswirkungen auf die Fähigkeit von Jugendlichen den sexuellen Sturm und Drang der Pubertät zu bewältigen. In der Vergangenheit band der Panzer die Energie, die nicht sexuell entladen wurde. Mit dem Abbau gesellschaftlicher Struktur stieg die Angst von vielen Jugendlichen jedoch auf ein Niveau an, die der Einzelne nicht bewältigen kann. Dies ist der wesentliche Grund für den Anstieg von Drogenkonsum, wahlloser sexueller Aktivität und Selbstmord bei Jugendlichen.

Die Fähigkeit des Jugendlichen, die Zunahme an sexuellen Empfindungen zu bewältigen, hängt davon ab, wie bereit er oder sie war, in früheren Entwicklungsphasen seine bzw. ihre sexuellen Gefühle zu erleben und zu tolerieren. Kindern, in deren Umgebung es natürliche Ausdrücke der Liebe gab und in der Sexualität von den Eltern bzw. Ersatzeltern unterstützt wurde, fällt es einfacher ihre sexuellen Gefühle zu tolerieren, wenn sie die Pubertät erreichen. Umgekehrt haben es Kinder schwerer, in deren Umgebung Sexualität unterdrückt, ignoriert oder verzerrt wurde.

Wie das Individuum zusammenbricht, hängt davon ab, wo frühere Blockaden in der Kindheit aufgetreten sind und der Art von Panzer, die sich ausgebildet hat. Auf Grundlage der Determinanten der Panzerbildung sind eine Reihe von Resultaten denkbar:

Symptombildung mit Regression auf eine frühere Stufe der psychosexuellen Entwicklung. Regression auf die okulare Phase führt zu übermäßigem Fantasieren und Lernstörungen. Orale Regression kann Anorexie oder Bulimie, etc. hervorrufen. Anale Regression trägt zur jugendlichen Auflehnung und Widerspenstigkeit bei, mit einer Tendenz zur Tobsucht und Wutausbrüchen. Phobien entstehen infolge genitaler Ängste. Diese Symptome sind eine Manifestation von durch den Panzer blockierter Energie und drängen nach Entladung. Die Blockade verhindert, daß die Energie auf natürliche Weise entladen wird. Zur gleichen Zeit haben diese Symptome die Funktion die sexuellen Impulse unter Kontrolle zu halten.

 

Symptomatisches Verhalten

Das bereits erwähnte widersprüchliche Verhalten des Jugendlichen ist die Art und Weise, in der die blockierte sexuelle Energie teilweise entladen wird. Einige Formen des widersprüchlichen Verhaltens folgen: Auf der einen Seite ist der Jugendliche egoistisch und egozentrisch und auf der anderen fähig zur Selbstlosigkeit und großer Opferbereitschaft. Der Jugendliche kann sich plötzlich Hals über Kopf verlieben und ebenso schnell jedes Interesse an dem Liebesobjekt verlieren. Es können sich strenge Askese und hemmungslose Triebhaftigkeit abwechseln. Zu bestimmten Zeiten kann das Sozial- und zwischenmenschliche Verhalten grob und rücksichtslos und zu anderen Zeiten sehr mitfühlend sein. Es kann ständige Schwankungen zwischen intensiven erotischen Empfindungen und ausgeprägtem sexuellen Moralismus geben (2:36-45).

Wenn der Jugendliche kein heterosexuelles Ventil hat, ist Masturbation die einzige Möglichkeit zur Linderung von sexueller Spannung. Der Grad, in dem sexueller Befriedigung nicht erzielt werden kann, bestimmt den Grad, zu dem der Jugendliche zu verzweifelten Maßnahmen getrieben wird, in dem Versuch Befreiung von unerträglicher innerer Spannung zu erreichen. In extremen Fällen, wo es keine Möglichkeit der Befriedigung oder Eindämmung sexueller Impulse gibt, hat der Jugendliche kaum eine andere Wahl als Drogenmißbrauch, Delinquenz, Homosexualität oder Selbstmord.

Bei all den Gründen, die dafür angegeben werden, warum Jugendliche "auf die schiefe Bahn geraten", wagt niemand ihre genitale Frustration zu erwähnen, selbst in unseren Zeiten der sexuellen Aufklärung. Darüber hinaus ist jede Diskussion über das Problem der Pubertät erschwert durch das Vermengen sekundärer, destruktiver Triebe, die zu Drogenmißbrauch, Homosexualität, Promiskuität, etc. führen, mit den primären Trieben, die zur genitalen Vereinigung und sexuellen Befriedigung mit einem Partner des anderen Geschlechts drängen. Wie immer umgeht das Vermengen primärer und sekundärer Triebe nicht nur das Hauptproblem und behindert effektiv eine rationale Lösung für soziale Probleme, sondern führt oft zu weiterem sozialen Irrationalismus, indem die Leute vor die Wahl gestellt werden, sich "für" oder "gegen" ein gemischtes Paket aus primären und sekundären Impulsen zu entscheiden. Diese lähmende Vernebelung behindert den Zugang zur Not von Kindern und Jugendlichen und verhindert jedwedes rationale Eingreifen.

 

Therapie von Jugendlichen

Jugendlichen effektive Hilfe zu bieten, ist nicht möglich, ohne die Bedeutung der Jugendlichen Sexualität richtig einzuschätzen und wie Störungen in ihrem Sexualleben so viele ihrer Probleme verursachen. Dies erwies sich zur Genüge durch den eingeschränkten Nutzen vergangener und gegenwärtiger Behandlungen, die fast durchweg die Sexualität der Jugendlichen ignoriert haben. Indem sie die Unterschiede zwischen primären und sekundären Trieben übersehen, bleiben alle die, die Therapien geben, hilflos, was den effektiven Umgang mit den Problemen der Adoleszenz betrifft. Das Ergebnis ist, daß der Jugendliche oft von einer therapeutischen Intervention zur anderen wandert, bis er oder sie "aus dem Problem herauswächst" durch die Bildung einer stabilen erwachsenen Charakterstruktur. Von denjenigen, die das nicht leisten, stehen einige in Gefahr chronisch verhaltensgestört zu werden, während andere möglicherweise schwere Charaktererkrankungen entwickeln oder Selbstmord begehen.

Was die Verantwortung für die Therapie betrifft, liegt der Jugendliche etwa auf halbem Wege zwischen dem Kind und dem Erwachsenen. Es ist die Funktion des Therapeuten zusammen mit dem Jugendlichen in einer gegebenen klinischen Situation die Kapazität des Jugendlichen zur Übernahme von Verantwortung einzuschätzen.
(8) Auch Fragen des Charakters und der Übertragung können flüchtig auftreten und werden behandelt, wenn sie aufkommen. Ein wesentlicher Unterschied in der Therapie von Jugendlichen im Vergleich zu der von Kindern und Erwachsenen ist, daß die Behandlung Jugendlicher keine vollständige Entfernung des Panzers erfordert. Aufgrund des sexuellen Sturm und Drangs benötigt der Jugendliche viel von seinem Panzer. Es gibt drei Schwerpunkte in der Therapie von Jugendlichen:

  • Entlastung von Spannung wird durch Symptombeseitigung ermöglicht.
  • Seine Bemühungen werden unterstützt, unabhängig und verantwortlich zu werden und die starken inneren Schwankungen der sexuellen Energie zu ertragen.
  • Sein Recht wird unterstützt, eine befriedigende heterosexuelle Beziehung zu suchen und zu sichern.

 

Falldarstellung

Eine sechzehn Jahre alte Frau wurde in die psychiatrische Klinik wegen eines angedeuteten Suizidversuchs aufgenommen. Nach der Trennung von einer Freundin, mit der sie in einer anderen psychiatrischen Klinik eine homosexuelle Beziehung eingegangen war, hatte sie sich mehrere oberflächliche Einschnitte auf der Innenseite ihres Handgelenks beigebracht Sie war von Zuhause aus in diese Institution eingeliefert worden, weil sie mit ihrer Mutter und einem älteren Bruder oft in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt gewesen war. Während sie im Krankenhaus war, hatten sich homosexuelle Beziehungen mit mehreren anderen weiblichen Patienten entwickelt.

 

Vorgeschichte

Die Patientin, die jüdischer Abstammung ist, wurde während der deutschen Besatzung in Ungarn geboren. Bevor sie sechs Monate alt war, wurde sie von ihren Eltern getrennt und in die Obhut einer einheimischen Familie gegeben, mit der sie bis unmittelbar nach dem Krieg zusammenlebte. Ihre eigenen Eltern wurden in Konzentrationslagern interniert.

Nach dem Krieg, als sie etwa fünf Jahre alt war, wurde sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder für einige Monate wieder vereinigt. Weil die Patientin und die Mutter unterschiedlicher Nationalität waren, konnten sie jedoch nicht zusammen in die USA emigrieren. Sie wurde von ihrer Mutter wieder getrennt, alleine in die USA geschickt und in eine Reihe von Pflegefamilien für einen Zeitraum von jeweils mehreren Monaten bis zu einem Jahr untergebracht. Während vieler dieser Unterbringungen wurde sie von ihren Pflegeeltern körperlich mißhandelt. Im Alter von zehn Jahren wurde sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder endlich wieder vereint. Zu dieser Zeit zeigte sie schwerwiegende emotionale Probleme, die sich in häufigen, oft gewalttätigen, Auseinandersetzungen mit Mutter und Bruder äußerten. Nach einer dieser Episoden wurde sie in die psychiatrische Einrichtung eingewiesen.

 

Behandlungsverlauf

Bei der ersten Begutachtung in der psychiatrischen Klinik fand ich, daß ihr hartes Erscheinungsbild ihre zugrundeliegende Weichheit und Angst maskierte. Obwohl sie Angst fühlte, waren ihre Augen strahlend, gelegentlich verführerisch, und sie hatte guten Kontakt. Sie war intelligent, hatte einen klaren Kopf und war gut motiviert, sich selbst zu helfen – ihre Lippen waren voll und ihre Masseter angespannt. Ihre Schultern waren groß und ein wenig gebeugt und sie hatte große Brüste. Diagnostisch war sie eine oral unbefriedigte Hysterikerin. Ich behandelte sie über vier Monate hinweg im Krankenhaus und sie fuhr nach der Entlassung mit der Therapie bei mir fort.

In der ersten Sitzung sprach sie mit Nostalgie und Sehnsucht über ihre frühe Kindheit. Es folgten Gefühle schmerzlichen Bedauerns über ihre Erfahrungen mit der ständigen Verweigerung von Kontakt und des emotionalen Mißbrauchs in den Pflegefamilien. Sie fühlte den starken Kontrast zwischen ihrem früheren glücklichen Familienleben und der späteren "Hölle" mit der eigenen Mutter und dem Bruder. Sie fühlte sich an einem Scheideweg in ihrem Leben und brauchte Hilfe, ihren Weg zu finden.

Die erste Phase der Therapie war charakteranalytisch. Ich konzentrierte mich auf ihre Angst vor Männern, einschließlich ihrer Übertragungsangst vor mir, und unterstützte sie in ihrem Wunsch unabhängig zu werden und eine heterosexuelle Beziehung einzugehen. Die Natur ihrer homosexuellen Bindung als Abwehr wurde identifiziert und von ihr als Ersatz verstanden für die Wärme und Zuneigung, die die Mutter ihr nicht bieten konnte. Gleichzeitig konfrontierte sie ihre Angst vor ihren heterosexuellen Gefühlen.

Nach und nach konnte sie ihr homosexuelles Verhalten aufgeben und indem sie ihrer Angst vor Männern ins Gesicht sah, heterosexuelle Beziehungen aufbauen. Dies wurde begleitet von dem Erreichen von Unabhängigkeit in ihren Arbeits- und sozialen Funktionen. Sie setzte ihre Therapie fort, als sie volljährig war.

 

Fazit

Da sich ihr Panzer noch nicht konsolidiert hat, ist medizinische Orgontherapie von Kindern und Jugendlichen unkomplizierter und einfacher als die Therapie von Erwachsenen. Ein Hauptproblem, das das Ergebnis beeinflußt, ist das pathogene Milieu, insbesondere die Beziehungen innerhalb der Familie und die häusliche Umgebung. Bei der Behandlung von Kindern ist die Kooperation der Eltern erforderlich. Ohne die Zusammenarbeit und das Verständnis der Eltern kann man nur begrenzten Erfolg erwarten. Mit anderen Worten, je größer die Zusammenarbeit der Eltern, desto günstiger die Prognose. Wenn Jugendliche sich dem Erwachsenenalter nähern, können sie in der Regel mehr Verantwortung übernehmen und mehr als Erwachsene behandelt werden. Die schwierigsten Fälle betreffen Kinder und Jugendliche aus dysfunktionalen Familien. Diese Kinder und Jugendlichen sind in der Regel schwer gestört und volle elterliche Zusammenarbeit ist schwierig oder unmöglich zu erhalten. Von entscheidender Bedeutung ist das Ausmaß, in dem kontaktvoller sexualbejahender Ausdruck zu Hause toleriert wird.

 




Literatur

  1. Reich, W.: Children of the Future. New York: Farrar Straus Giroux, 1983
  2. Raknes, 0.: "Pädagogische Probleme der Pubertät", Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, 5(1), 1938

 


Fußnoten

(1) Nach der ödipalen Phase gewinnt der Charakter in der Therapie zunehmend an Bedeutung. Jedoch in dem seltenen Fall, wenn der Muskelpanzer eines Kindes extrem ist, kann der Charakterpanzer vor der ödipalen Phase voll funktionsfähig sein.

(2) Im Gegensatz dazu beruhte die traditionelle Kinderpsychiatrie bis vor kurzem fast ausschließlich auf einem psychologischen Ansatz für die Diagnostik und Behandlung von Störungen in der Kindheit und bei Jugendlichen. Mit den Begrenzungen dieses Ansatzes, vor allem bei Erkrankungen während des ersten Lebensjahres, bevor sich Bewußtsein und Sprache vollständig entwickelt haben, und ohne offenkundige Alternative zur Verfügung zu haben, wurden die Psychiater zunehmend in die pharmakologische Behandlung der Erkrankungen der Kindheit hineingezogen.

(3) Charakterbildung umfaßt die Panzerung der erogenen Zonen, wie dargelegt in "Orgone Therapy: Part V", The Journal of Orgonomy, 21(2):223-236, 1987.

(4) Einige Föten geraten während des Ultraschalls in Aufregung. Es ist möglich, daß das Testverfahren selbst für die beobachteten respiratorischen Störungen verantwortlich ist. Diese Beobachtung erfordert daher weitere Untersuchungen.

(5) Der chronische Beckenpanzer muß von der körperlichen Unzulänglichkeit des mütterliche Geburtskanals (Schädel-Becken-Mißverhältnis) unterschieden werden, die eine anatomische (durch das Skelett bedingte) Einschränkung für die Vaginalgeburt darstellt.

(6) Dem gepanzerten Arzt und Wissenschaftler, der mechanistisch denkt, ist es strukturell nicht möglich, die bioenergetische Natur des Lebens zu erfassen und, eng damit verbunden, die Ätiologie der menschlichen Krankheit in der Blockierung des Energieflusses durch den Panzer, die in der Kindheit beginnt.

(7) Das Aussehen wie ein "kleiner alter Mann" bei Säuglingen ist ein Zeichen schwerwiegender biophysischer Kontraktion.

(8) Das Problem der jugendlichen Verantwortung, kann wie bei allen anderen Fragen von individueller und sozialer Bedeutung, nur in einer funktionellen Weise produktiv behandelt werden. Moralistische oder anti-moralistische Haltungen dienen keinen dauerhaften konstruktiven Zielen.