DIE ZEITSCHRIFT
FÜR ORGONOMIE

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens.
Sie sollten es auch beherrschen.

WILHELM REICH

 



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Impressum

 

 

Charles Konia
Vittorio Nicola

DIE BIOSOZIALE GRUNDLAGE DER FAMILIEN- UND PAARTHERAPIE

Peter A. Crist, M.D.

The Journal des Orgonomy vol. 27/2, 1993
The American College of Orgonomy

 

Einführung

Vor sieben Jahrzehnten begann Reich den sozialen Bereich zu studieren. In den 1920er Jahren machte er einen revolutionären Durchbruch beim Studium der Conditio humana, als er seine Aufmerksamkeit auf die Rolle des neurotischen Charakters der Gesellschaft in der Ätiologie der Neurosen richtete. Seine Arbeit mit triebhaften Charakteren führte ihn zu der Einsicht, daß die Neurose mehr ist als die Symptome des Betreffenden: sie liegt in dessem Charakter und in der Art und Weise, wie er lebt. Dies stand im Gegensatz zu der vorherrschenden Ansicht, daß die Neurose ein Zustand mit umschriebenen Symptomen in einer ansonsten gesunden Person ist. Zur gleichen Zeit erkannte Reich, daß der gehemmte und verdrängte Charakter des typischen psychoanalytischen Patienten der oberen Mittelschicht Wiens ebenfalls neurotisch ist. Die Tatsache, daß dieser Charakter sowohl die Norm war und gesellschaftlich akzeptiert wurde, trug bei Reich zur Überzeugung bei, daß die Gesellschaft selbst neurotisch ist. Es wurde Reich deutlich, daß die Neurose nicht von einem angeborenen Todestrieb, wie von Freud postuliert, herstammt, sondern aus der tief verwurzelten sexual- und lebensfeindlichen Einstellung der Gesellschaft, wie sie von der autoritären, repressiven, patriarchalischen Familie weitergegeben wird. Diese Theorien und Schlußfolgerungen werden in seinem soziologischen Hauptwerk Die Massenpsychologie des Faschismus (1946) dargestellt. Zu dieser Zeit untersuchte er auch breitere soziale Fragen und rief eine Sexualhygiene-Bewegung ins Leben.

Reichs Ansicht, die sich von der damals in der Psychoanalyse vorherrschenden unterschied, war, daß das emotionale und psychische Leben – sowohl das gesunde als auch das kranke – mehr ist, als das Produkt intrapsychischer Prozesse im Inneren. Er begriff, daß es das Ergebnis eines dynamischen Zusammenspiels zwischen intrapsychischen und sozialen Faktoren ist (1936). Diese "offensichtliche" Tatsache, nun akzeptiert und weltweit unterrichtet in jeder Schule der Soziologie, wurde zuerst von Reich deutlich gemacht. Es war teilweise diese betonte Beschäftigung mit gesellschaftlichen Problemen, die zu seiner Trennung von der psychoanalytischen Bewegung führte.

Reichs spätere Enttäuschung über das Scheitern von Sozialprogrammen für die Massen, was das Bewirken von Veränderungen betraf, kam zu einer Zeit, als er begonnen hatte, die biologischen Wurzeln der Neurose im somatischen Panzer zu erkunden. Er wandte sich von gesellschaftspolitischen Ansätzen für das menschliche Dasein ab, weil die Integration von psychischen, biologischen und sozialen Entdeckungen ihn zu der unausweichlichen Konsequenz führte: der gepanzerte Mensch ist unfähig Freiheit zu tolerieren (1943). Später, in der Arbeit des Orgonomic Infant Research Center, kehrte er zu sozialen Problemen innerhalb der Familie zurück, bewaffnet mit einer tieferen Einsicht in die Schwierigkeiten des bioenergetischen Kontakts zwischen Mutter und Kind (1983).

Baker entwickelte Reichs bahnbrechende Arbeiten weiter durch Herausarbeiten der großen soziopolitischen Charaktertypen und Identifizierung ihrer Panzermuster und typischen emotionalen Abwehr (1967). Seit dieser Zeit richtet sich der primäre Fokus der sozialen Orgonomie auf die Art und Weise, in der der Einzelne – als Liberaler, Konservativer, einer ihrer Subtypen oder als emotionell pestkranker Charakter – sich in der gesellschaftspolitischen Arena ausdrückt (Baker, Matthews, Konia).

Vor kurzem haben Goldbergs Beiträge erstmals den Fokus der sozialen Orgonomie dahin erweitert, daß die Betonung auf die Interaktion zwischen Individuen gelegt wird (1989). Basierend auf seiner Arbeit als Unternehmensberater für Organisationsfragen, betrachtet er Arbeitsorganisationen als einheitliche Energiesysteme. Innerhalb dieser Systeme bildet die zwischenmenschliche Dynamik einen Bereich, der sich von der inneren emotionalen Dynamik des Individuums unterscheidet. Seine tiefen Einblicke in diesen sozialen Bereich haben wichtige theoretische und praktische Anwendungen, einschließlich der Beschreibung der unterschiedlichen Charaktertypen von Arbeitsorganisationen.

Wir wenden im folgenden diese Grundlagen der sozialen Orgonomie und klinische Beobachtungen an und betrachten die Grundsätze von Gesundheit und Krankheit in der Familie und die Grundlagen für ihre Behandlung.

 

Die Definition der Familie

Jeder hat eine Familie, entweder als Elternteil oder als Kind: Familien sind eine universelle menschliche soziale Einheit. Die natürliche Hauptaufgabe der Familie ist Ausdruck und Entladung von Liebe. Eine dysfunktionale oder neurotische Familie ist eine, in der der Ausdruck von Liebe chronisch blockiert ist. Familientherapie soll dabei helfen, im sozialen System Familie Blockaden zu überwinden und zu beseitigen und im Erfolgsfall liebevolle Beziehungen wiederherzustellen. Wir wissen, daß wenn die Liebe in einer Familie stirbt, sich die Familie auflösen wird, es sei denn die Familienmitglieder sind sekundär, d.h. neurotisch aneinander gebunden. Liebe ist das primäre Organisationsprinzip der Familie.

Mit "Liebe" meine ich einen emotionalen und körperlichen Ausdruck und die Entladung der biologischen Energie, kein metaphysisches Konzept der Liebe. Wechselseitiger energetischer Kontakt und Erregung, die im Körper gespürt wird, ist sexuell. Dahingehend wird der Begriff "sexuell" im weitesten Sinne gebraucht. Einer von Freuds wichtigsten Beiträgen war seine Beobachtung, daß die Sexualität des Menschen viel breiter ist als "genitale" Sexualität. Er erkannte, daß Säuglinge und Kinder ein Sexualleben haben, das sich qualitativ von der Sexualität der Erwachsenen unterscheidet, aber nichtsdestoweniger eine Sexualität ist. Die Liebe in einer Familie hat viele Aspekte und Beziehungen, innerhalb derer sie sich zeigen und ausdrücken kann. Erwachsene genitale sexuelle Liebe zwischen Partnern bildet den Kern einer gesunden Familie, während andere gesunde Äußerungen von Sexualität/Liebe innerhalb der Familie ebenfalls wichtig sind, z.B.: der okulare Kontakt, Augenkontakt, um den ein Säugling wirbt und den er von denen erhält, die ihn umgeben, als auch der orale Kontakt eines Säuglings mit der Mutterbrust während des Stillens. In einer gestörten Familie werden derartige natürliche Bedürfnisse und ihr Ausdruck gehemmt und verzerrt durch die neurotischen Bedürfnisse der Familienmitglieder. Solche Reaktionen umfassen die Intoleranz von Mutter und Vater hinsichtlich der Erregung des Kindes. Das kann sich als Unfähigkeit äußern, die Freudenschreie des Kindes zu ertragen, oder darin, daß die Erregung zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind nicht toleriert wird. Das kann aufgrund von Eifersucht auftreten. Ein Elternteil unterbricht etwa, wenn ein Kind mit dem anderen Elternteil kuschelt, oder ein Vater stört das Stillen.

Ein wesentliches Hindernis für die offene Diskussion dieser Fragen ist unsere Prüderie hinsichtlich der Anerkennung der sexuellen Natur der alltäglichen Beziehungen. Um dieses Problem zu meistern, müssen wir uns zunächst mit der rationalen Grundlage für diese Haltung befassen: der durchschnittliche Mensch macht keine Unterschiede zwischen der primären gesunden Sexualität in familiären Beziehungen und sekundärer, pathologischer, neurotischer Sexualität. Wir verdanken Reich die Unterscheidung zwischen gesunden primären und sekundären neurotischen Trieben. Die obigen Beispielen für alltägliche neurotische Verhaltensweisen in der Familie illustrieren eine seiner Schlußfolgerungen: neurotisches Familienleben findet sich fast überall in unserer Kultur.

 

Die Entwicklung von Theorie und Praxis

Klinische Erfahrungen mit Familien, sowie die Beschäftigung mit orgonomischen Theorien über den Charakter von Individuen und Gruppen (Reich 1946, Reich 1983, Baker, Goldberg), führten zu der Einsicht, daß Familien natürliche Energiesysteme im sozialen Bereich bilden mit der natürlichen gesunden Funktion von Ausdruck und Entladung biologischer Liebe. In gestörten Familien wird die Befriedigung dieser Ausdrücke mit erkennbaren, in typischen Mustern auftretenden Mechanismen blockiert. Solche Formulierungen zeigen, daß die Grundlage jeder erfolgreichen Therapie der Familie biosozial ist.
(1)

Sie haben auch wichtige theoretische und praktische Implikationen für das Verständnis der Familiendynamik und für die Arbeit mit Familien und ihrer einzelnen Mitglieder. Die Fähigkeit gesunde Funktionen von jenen zu unterscheiden, die pathologisch sind, ermöglicht eine Behandlung, die neurotische Muster überwindet und das Familiensystem zu seiner natürlichen Funktionsweise zurückführt.

Suzy, ein Einzelkind, war vier Jahre alt, als sie von ihren Eltern zu mir gebracht wurde. Sie hatten viel der orgonomischen Literatur gelesen und wollten sie als vollkommen gesund großziehen. Sie sagten mir, sie habe "Probleme mit Wut" und sei "blockiert". Sie habe offenbar Schwierigkeiten sich auszudrücken, sei aber auch dickköpfig und wenn ihr gesagt wird, was sie zu machen habe, bekomme sie manchmal einen Wutanfall.

Die biophysische Untersuchung ergab einen ausgeprägten Panzer in ihrem okularen Segment, "Weggehen" in ihren Augen, Starren oder mich Anschauen ohne offensichtliche emotionale Verbindung. Sie hatte auch in allen anderen Segmenten eine ausgeprägte Panzerung, vor allem aber in der paraspinalen Muskulatur von Hals und Rücken. Sie war ein sensibles Kind und reagierte auf Angst mit Rückzug. Ihre verbalen Mitteilungen waren vage und unscharf.

Ich begann damit, sie einige Male zu sehen und konzentrierte mich darauf, eine Beziehung und emotionalen Kontakt herzustellen. Bald hatte ich das Bedürfnis, mehr über ihre emotionale Umwelt zu erfahren und empfahl den Eltern, daß wir uns treffen, um mehr über ihr Leben zu Hause zu erfahren. Bei diesem ersten Treffen hatten sie Angst, daß ich das Urteil über sie fälle, sie seien nicht die perfekten "orgonomischen" Eltern. Ihre Scham und Schuld keine idealen Eltern zu sein, behinderte ihre Fähigkeit, die tatsächliche Situation im Haushalt zu sehen. Humor und die Widergabe von einigen meiner eigenen Erfahrungen und Kämpfe als Elternteil, lösten einige der mystischen Erwartungen auf, die sie von mir und von sich selbst hatten. Sie dachten, daß orgonomische Kenntnisse einen irgendwie in die Lage versetzen würden, ein vollkommen gesundes Kind ohne Probleme oder Kämpfe großzuziehen. Es wurde durch diese ersten Treffen mit den Eltern offensichtlich, daß erhebliche Probleme ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit bei der Erziehung ihres Kindes behinderten. Ihr Bündnis als Eltern war blockiert. Insbesondere wenn dies als divergierende Haltungen und Reaktionen auf Suzys Verhalten zum Ausdruck kam. Ich erkannte, daß die Verwirrung und Unklarheit des Kindes durch die Verwirrung in der Familie ausgelöst wurde, die wiederum auf die Widersprüche zwischen ihren Eltern zurückzuführen war. Ihre Sturheit und Weigerung sich zu bewegen, verschaffte ihr Zeit, um etwas Klarheit in einer verwirrenden Umgebung zu gewinnen. Ihre Negativität war in ihrer mißlichen Lage eine rationale Reaktion; aber es irritierte ihre Eltern und brachte sie dazu, jeweils in der ihnen eigenen Art und Weise zu reagieren.

Die Mutter, die in einer harten autoritären Familie aufgewachsen war, wollte ihr eigenes Kind nicht auf die gleiche Weise behandeln und tendierte dazu äußerlich nachsichtig zu sein, was ihre Erwartungen betraf, nur um gleichzeitig leisen Druck auf ihre Tochter auszuüben. Beispielsweise um zwanghafte Sauberkeit zu vermeiden, hatte sie das Gefühl, daß Suzy nicht regelmäßig ihr Zimmer aufräumen müsse, war aber im Stillen gereizt, wenn Suzys Zimmer ein einziges Chaos war. Auf der anderen Seite hegte Suzys Vater klare Erwartungen, aber wegen seiner eigenen Hemmungen sich durchzusetzen, sagte er nichts oder hielt sich zurück, bis er vor Wut kochte. Er tadelt dann Suzy von oben herab und mit einer Vehemenz, die in keinem Verhältnis zum Anlaß steht. Suzy reagiert, indem sie selbst in Harnisch gerät und störrisch wird. Es war nur allzu einleuchtend, daß ihre paraspinale Muskulatur angespannt und kontrahiert war. Das neurotische Muster kehrte zum Ausgangspunkt zurück, als ihr Vater zerknirscht und schuldbewußt versuchte, nachsichtig zu sein, so wie seine Frau es von Anfang an gewollt hatte und er Suzy erlaubte, ihrerseits auf stur zu schalten und boshaft zu sein.

Diese angespannte häusliche Umgebung voller Konflikte verstärkte Suzys Tendenz in den Augen wegzugehen und die Verwirrung durch Zurückhalten zu bewältigen. Ihre Sturheit irritierte die Eltern und brachte sie dazu ihre typischen Reaktionen in einem sich selbstverstärkenden Kreislauf zu übertreiben. Damit meine Behandlung von Suzy wirklich nachhaltig sein konnte, mußte es, so wußte ich, zu einer Änderung in ihrem emotionalen Umfeld und in der Familiendynamik kommen.

Ich wurde mit diesen klinischen Problemen konfrontiert, als die biosoziale Therapie von Arbeitsgruppen durch Goldberg entwickelt wurde (1989-91, 1993). Ich wandte einige seiner Prinzipien auf die Probleme im Umgang mit Suzys Eltern an.

Mein Fokus war pragmatisch: sie hatten Mühe als Eltern zusammenzuarbeiten und ich mußte mich von daher auf ihre Beziehung konzentrieren. Mit anderen Worten hemmte ein wiederkehrendes Muster in ihrer Interaktion echten Kontakt und Kommunikation darüber, wie Suzy aufzuziehen sei. Wir realisierten, daß die Tendenz der Mutter uninvolviert und nachsichtig mit Suzy zu sein, den Vater irritierte. Er reagierte mit kurzen, gemäßigten Ausbrüchen, ausgelöst durch seinen Sinn für das, was richtig war. Dadurch fühlte sich die Mutter wiederum noch gehemmter sich auszudrücken. Ihre fehlende Reaktion machte ihn noch wütender, was sie dazu brachte, sich noch weiter zurückziehen. In diesem Kreislauf aus Rückzug, Wut, weiterem Rückzug, weiterer Wut, konnten wir jetzt die Elemente eines dynamischen Musters identifizieren, das ihre Kommunikation störte. Zeitweise war der Kreislauf vorübergehend unterbrochen, wenn die Rollen gewechselt wurden: das Ressentiment der Mutter konnte bis zu dem Punkt anwachsen, an dem sie schließlich vor Wut explodierte oder der Vater gab auf und zog sich "unter Protest" zurück. Dies ließ zwischen ihnen einigen Dampf ab, aber bald kehrten sie zu ihrer üblichen Haltung zurück und hatten eine große Abneigung dagegen explosive Fragen anzurühren. In unseren Sitzungen betrachteten wir ihr Interagieren ohne Wertungen, um zu ergründen, wie ihr Verhalten den Kontakt unterband. Der Schwerpunkt lag darauf, wie sie interagierten statt auf dem Inhalt.

Mein Interesse an Arbeitsorganisationen (Goldberg) lenkte meine Aufmerksamkeit auf Reichs Formulierung der Beziehung zwischen Arbeit und Sexualität (Reich 1976) (Abb. 1).

Wie gezeigt, identifiziert er wichtige Aspekte des grundlegenden Unterschieds zwischen Arbeit und Sexualität. Das Gewahrwerden dieser Unterscheidung führte zu einem besseren Verständnis des Interagierens zwischen Suzys Eltern. Ich betrachtete ihr Problem als Blockade in ihrer elterlichen Arbeitsbeziehung. Da es sich jedoch um keine "reine" Arbeitsbeziehung handelte, legte ich nahe, daß ihre Probleme in ihrer Liebesbeziehung wurzeln könnten. Es war klar, daß es zugrundeliegende Frustrationen in der Herstellung von Kontakt als Liebende gab. Obwohl ihre Zusammenarbeit als Eltern nicht die Hauptfunktion ihrer Beziehung war, wurde diese Funktion blockiert, weil sie der Fokus ihrer zugrundeliegenden Konflikte in der Liebe/Sexualität wurde. Blockaden im Ausdruck der Liebe zwischen Eltern werden die naturgegebene Notwendigkeit stören, in ihrer Funktion als Eltern zusammenzuarbeiten. Klärung dieser unterschiedlichen Funktionen führten zu wichtigen Entwicklungen in der theoretischen Grundlage der Familientherapie.

Eine weitere Schlußfolgerung aus der Formulierung, daß die natürliche gesunde Funktion der Familie der Ausdruck und die Entladung von Liebe ist, lautet, daß eine Bestimmung des Gesundheitsgrades einer Familie nicht auf einer bestimmten Familienstruktur oder einem bestimmten Verhalten beruht. Zu einem gegebenen Zeitpunkt hat jeder Einzelne innerhalb des familiären Systems seine eigenen Bedürfnisse, was den Ausdruck von Liebe betrifft. Darüber hinaus hat jede Familie einheitliche Kontakt- und Kommunikationsmuster, die die ausreichende Entladung der Bedürfnisse der Mitglieder innerhalb und außerhalb des Familiensystems entweder unterstützen oder stören. Den relativen Grad an Gesundheit oder Neurose in jedem gegebenen sozialen System als Ganzes wird durch das Gleichgewicht zwischen der Befriedigung dieser Bedürfnisse und der Stärke der chronischen Blockierung ihrer Befriedigung determiniert. Diese Determinierung muß funktionell sein und darf auf keiner bestimmten Familienstruktur oder einem bestimmten Verhalten beruhen.

 

Die Familientherapie: eine Übersicht der traditionellen Theorien und ihrer historischen Entwicklung

Die Kenntnis von der Kernfunktion der Familie als biologischer Ausdruck und Entladung der Liebesenergie unterscheidet den biosozialen Ansatz von anderen Behandlungsweisen. Sie bestimmt das Ziel der Therapie, auch wenn es nur teilweise realisiert wird, und sie bestimmt die Auswahl der spezifischen Technik aus den unzähligen Techniken, die im Bereich der Familientherapie entwickelt worden sind. Gurman und Kniskern gehen im Detail der Entwicklung der Familientherapie aus unterschiedlichen Traditionen, Disziplinen, Berufen und Bewegungen nach: Sozialarbeit, Sozialpsychiatrie, Sexualwissenschaft, Familienerziehung, Eheberatung, Ehetherapie eingebunden in eine Psychoanalyse, Familientherapie und Sexualtherapie (1981). Viele Behandlungsansätze stammen aus diesen unterschiedlichen Gruppen, aber alle fallen unter eine nützliche Definition, die von Glick stammt:

Familientherapie könnte im Großen und Ganzen als jede Art von psychosozialer Intervention unter Verwendung eines konzeptionellen Rahmens betrachtet werden, die den Schwerpunkt auf das Familiensystem legt und die in ihren therapeutischen Strategien auf die gesamte Familienstruktur einwirken will. Somit kann jeder psychotherapeutische Ansatz, der versucht, ein Familiensystem zu verstehen bzw. auf es einzuwirken, mit vollem Recht als "Familientherapie" bezeichnet werden (1987).
Lansky faßt die wichtigsten Ansätze der traditionellen Familientherapie zusammen und zeigt das breite Spektrum der theoretischen Modelle und ihrer dazugehörigen Ansichten über Normalität, Pathologie und die Therapieziele (1989).

 

Die unterschiedlichen Bereiche von Familien- und Individualtherapie: ihre Unterschiede und ihr Zusammenhang

Die individuelle psychiatrische Orgontherapie konzentriert sich auf den Bereich des psychischen und emotionalen bioenergetischen Funktionierens des einzelnen Organismus: sie ist biopsychische bzw. bioemotionale Therapie. Im Gegensatz dazu konzentriert sich, wie bereits erwähnt, die biosoziale Familien- und Paartherapie auf den Bereich des bioenergetischen Funktionierens innerhalb des sozialen Systems Familie: diese unterschiedlichen Bereiche bestimmen ein jeweils anderes Therapieziel. Für die individuelle medizinische Orgontherapie ist dies die Überwindung der chronischen Panzerung des Einzelnen; für Familientherapie die Überwindung der chronischen, starren, dysfunktionalen Muster im Kontakt und in der Kommunikation in der sozialen Einheit Familie. Die unterschiedlichen Bereiche der individuellen und sozialen Systeme sind auch wechselseitig miteinander verbunden (Abb. 2). Damit die Einzeltherapie optimal wirkt, muß sie den Betroffenen in die Lage versetzen, Energie in die Welt durch Arbeit und Liebe zu entladen. Der Therapeut des Einzelnen kann die soziale Funktionsfähigkeit nicht außen vor lassen. Ebenso kann der Familientherapeut die einzelne neurotische Charakterstruktur nicht unberücksichtigt lassen, wenn er mit einer Familie arbeitet.

Für den Therapeuten ist es in seiner Arbeit mit den Patienten wichtig, sich zu jedem gegebenen Zeitpunkt im Klaren darüber zu sein, mit welchem Bereich er es zu tun hat: die Aufgabe besteht darin, sich sowohl der individuellen Charakterstruktur als auch ihrer Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen bewußt zu sein. Eine potentielle Tücke der Einzeltherapie kann darin bestehen, daß sich der Patient ausschließlich auf innere Blockaden konzentriert und sie nur in der "Sicherheit" der Therapiesitzung zum Ausdruck bringt, ohne viel Verbesserungen in seiner Fähigkeit im Rest seines Lebens sozial zu funktionieren. Umgekehrt begehen Familientherapeuten, die Pathologie ausschließlich als Ergebnis des dysfunktionalen sozialen Systems sehen, einen (mystischen) Denkfehler, indem sie die offensichtliche Tatsache außer acht lassen, daß die Energiequelle von Gesundheit und Krankheit innerhalb eines sozialen Systems im Einzelnen und seinem Charakter zu suchen ist. (Im gesellschaftlichen Bereich gibt es keine Beziehungen oder Blockaden ohne individuelle Charaktere, die sie zum Ausdruck bringen.)

In der traditionellen Ausbildung für individuelle Psychotherapie lehrt man, daß der Therapeut in den neurotischen Konflikten des Patienten keine Partei ergreifen darf. Obwohl der medizinische Orgontherapeut zu vermeiden versucht, sich in den neurotischen Konflikten (beispielweise Ambivalenz und Zweifel) auf eine bestimmte Seite zu schlagen und diese zu unterstützen, stellt er sich nichtsdestotrotz auf die Seite der Gesundheit des Patienten durch aktive Unterstützung und Identifizierung mit ihr. Ebenso rät die traditionelle Ausbildung in der Familien- und Ehetherapie davor ab, für ein bestimmtes Familienmitglied oder einen der Partner in einer Beziehung Partei zu ergreifen.
(2) Die biosoziale Perspektive verlangt, daß der Familientherapeut bei neurotischen Konflikten zwischen Familienmitgliedern keine Partei für eine Seite ergreift, sondern sich verbünden muß mit der Gesundheit in den Beziehungen innerhalb des sozialen Systems.

Die allgegenwärtige moralisierende Tendenz nach einem Schuldigen zu suchen, führt manchmal dazu, daß ein Therapeut Partei ergreift oder dem Patienten mitteilt, offen oder verdeckt, daß er oder sie mit einem anderen Partner besser dran wäre, ohne dabei ausreichend zu berücksichtigen, welche Rolle der Patient selbst in der neurotischen Beziehung spielt. Der Wunsch Partei zu ergreifen, rührt vom ängstlichen Bedürfnis seitens des Therapeuten irgendetwas zu tun. Wenn denn diese Tendenz nicht durch die therapeutische Regel der Neutralität in Schach gehalten wird, die so absolut ist, daß der Therapeut es vielleicht unterläßt auf überhaupt ein Problem hinzuweisen. Eine biosoziale Perspektive, die zu begreifen hilft, wie es zu den neurotische Problemen in der Beziehung kommt, ermöglicht es dem Therapeuten auch dingfest zu machen, wer für den gegebenen Teil des jeweiligen neurotischen Problems zu jedem Zeitpunkt verantwortlich ist, so daß er oder sie es angehen kann.

Eine solche Sichtweise zeigt uns, daß es sogar Zeiten gibt, wenn für das Paar der Rat notwendig und therapeutisch ist, die Beziehung zu beenden. Diese Empfehlung basiert auf dem, was die Liebesfunktionen der einzelnen Partner am meisten unterstützt und erwächst nicht aus dem Wunsch Schuld zuzuweisen.

Die meisten Menschen kommen zur Therapie mit der Befürchtung, daß sie moralistisch bewertet werden. Vor kurzem beschrieb dies der Vater einer Familie, die ich behandle, sehr einfach: "Ich wollte nicht kommen, weil ich dachte, Sie würden meine Frau und mich jeweils unsere Probleme berichten lassen, die wir miteinander haben. Ich dachte, Sie würden dann mit dem Finger auf uns zeigen und die Schuld zuweisen. Stattdessen ließen Sie uns betrachten, was gut zwischen uns war und dann sollten wir sehen, was dem im Wege steht, daß es jetzt so ist."

Es ist eine Grundregel der Behandlung, daß die Probleme, Fähigkeiten und Bedürfnisse des sozialen Systems und der Individuen bestimmen, was therapeutisch getan werden muß. Mechanische Ansätze mit einem festgelegten Verfahren sind nicht hilfreich. Beispielsweise ist auch dann, wenn Leute mit Eheproblemen kommen, Paartherapie nicht immer ratsam.

Mr. und Mrs. Smith kamen jeweils mit Beschwerden über Eheprobleme zur Einzeltherapie. Der Mann hatte sich impulsiv an eine Kollegin herangemacht und hatte deswegen Schuldgefühle, auch wegen einer früheren Affäre. Die Frau hatte den Eindruck, daß sie nicht gut kommunizierten und seine impulsive Tat auf schwerwiegende Probleme in der Ehe hinweisen könne. Sie hatte eine Menge unausgesprochener Gefühle hinsichtlich seiner früheren Affäre. Beide wehrten sich gegen ein gemeinsames Treffen, aus Angst, das Öffnen der "Büchse der Pandora" könne sie auseinanderreißen und ihre Ehe zerstören. Ich glaubte, sie hatten Recht mit diesen Ängsten, da frühere Versuche, diese intensiven Gefühle auszudrücken, zu einer wachsenden emotionalen Entfremdung geführt hatten. Damals war die Fähigkeit von beiden, intensive Gefühle zu kommunizieren, ohne sich sofort zurückziehen, noch nicht stark genug, als daß ein gemeinsames Treffen mit beiden zusammen möglich war. Arbeiten mit jedem der beiden individuell half ihre Toleranz für Konflikt, Wut und Angst deutlich zu stärken. Durch ihre Hemmungen und die Intensität des angestauten Ressentiments blieben sie jedoch unfähig, gemeinsam an ihren Eheproblemen zu arbeiten, und zögerten. Ihre Zurückhaltung wurde verstärkt durch beider Interesse am Wohlergehen ihrer zwei kleinen Kinder.

Es gibt andere Fälle, wo beide Parteien zusammen kommen wollen, aber Familientherapie erfolgt am besten durch individuelle Treffen. Der siebenjährige Billy kam zu mir in Therapie, da er "sich aufführte" und zu Hause und in der Schule unaufmerksam war. Bei meinem ersten Treffen mit seinen Eltern war klar, daß sie Schwierigkeiten hatten bei der Erziehung ihres Sohnes zusammenzuarbeiten. Nachdem wir uns zusammengesetzt hatten, vergingen nur Minuten, bevor sie in einen lauten Streit darüber geraten waren mit gegenseitigen Schuldzuweisungen über das Versagen des anderen bei der Erziehung Billys. In weiteren Sitzungen wiederholte sich diese Unbeständigkeit unabhängig vom Thema. Ich hatte den Impuls, sie separat zu sehen, aber dies widersprach meiner traditionellen Ausbildung, wonach Beziehungsprobleme während der gemeinsamen körperlichen Anwesenheit der Betroffenen behandelt werden sollten, soweit sie dazu bereit sind. Diese Eltern kamen in der Tat zunächst zusammen in mein Büro, aber nach mehreren explosiven Zwischenfällen, fand der Vater, ein vielbeschäftigter Manager, keine Zeit mehr für die Termine. Ich fuhr fort mit der Mutter individuell zu arbeiten und konzentrierte mich auf die Funktionsweise der Familie insgesamt und auf Möglichkeiten die verschiedenen familiären Situationen in einer effektiveren und befriedigenderen Weise zu behandeln.

Im Fall von Billys Eltern behinderte das Reden miteinander ihren Kontakt und die gemeinsame Arbeit an Billys Problemen. Die Verbesserung der Fähigkeit des Paares Kontakt mit Billy und miteinander herzustellen, erforderte es, das Paar im Rahmen der Therapie zu dieser Zeit nicht miteinander reden zu lassen.

Die biosoziale Perspektive definiert die Familientherapie so, daß ein Therapeut mit einem Einzelnen arbeiten und immer noch Familientherapie betreiben kann. Umgekehrt ist es die Perspektive des individuellen Charakters und seiner Panzerung, der die Einzeltherapie definiert, so daß ein Therapeut Einzeltherapie mit Unterstützung, den Standpunkten und der Mitarbeit von anderen Personen als dem Patienten betreiben kann. Das ist häufig der Zweck der Conjoint-Therapie
(3), wie sie von Karpf beschrieben wird (1994).

 

Kommunikation und ihre Störungen

Einer der Eckpfeiler der Familientherapie ist das Erkennen und Auflösen bzw. Entfernen von Hindernissen der Kommunikation. Bei dieser Aufgabe ist die Differenzierung zwischen "Selbstausdruck" und "Kommunikation" wichtig. Das Fehlen dieser Unterscheidung ist die Wurzel vieler unserer Kommunikationsprobleme. Bevor der Selbstausdruck die Basis der Kommunikation werden kann, muß es eine gemeinsame Grundlage geben.
(4) Dies erfordert bioenergetischen Kontakt. Für eine vollumfängliche Kommunikation muß ein Paar in der Lage sein sich Auge in Auge zu blicken, von "Herz zu Herz" zu sprechen und sich wechselseitig durch physischen Kontakt anzuregen. In der Tat müssen Blockaden in jedem dieser Bereiche der Kommunikation in dieser bestimmten Reihenfolge behandelt werden, genauso wie in der Einzeltherapie innere Blockaden auf systematische Art und Weise angegangen werden müssen. Energetischer Kontakt zwischen zwei Menschen, in jedem der Bereiche der Kommunikation, ist die Basis für die "gemeinsame Grundlage". Allzuoft reagiert eine Person, als ob der andere so denkt und fühlt, wie sie es tut. In einer solchen Situation dominieren Ersatzkontakt und der Anschein von Kommunikation.

In Beziehungen treten Blockaden auf, wenn es feste Muster des Selbstausdrucks gibt ohne Kontakt und wahre Kommunikation. Blockaden ergeben sich, wenn der Selbstausdruck entweder zurückgehalten wird oder ohne Kontakt erfolgt. Unter diesen Umständen sind Mitteilungen unvollständig und nicht befriedigend. Die chronischen Muster der Fehlkommunikation bilden die neurotischen Strukturen, die in der Ehe- und Familientherapie behandelt werden müssen. Solche Muster finden sich in allen Beziehungen und resultieren aus der Schwierigkeit, die die Menschen bei der Suche nach der gemeinsamen Grundlage haben, die für Kommunikation notwendig ist.

In der Arbeit mit Paaren finden wir, daß genau jene Eigenschaften, die die Partner anfangs erregten, in der Regel diejenigen sind, nun in verzerrter oder übertriebener Form, über die sie sich beschweren und die einen wesentlichen Bestandteil der dynamischen Blockade zwischen ihnen bilden. Beispielsweise beim ersten Treffen von Suzys Eltern fühlte er sich von ihrer ruhigen Selbstgewißheit angezogen und sie war hingezogen zu seiner unverblümten Direktheit. Jedesmal, wenn ihre Beziehung in Schwierigkeiten steckte, wurde aus ihrer ruhigen Selbstgewißheit eine stille Selbstgerechtigkeit und seine unverblümte Direktheit wurde zu einem schnell bei der Hand sein mit Kritik. Diese Reaktionen formten die spezifischen Elemente des neurotischen Teufelskreises aus Mißverständnissen und mangelndem Kontakt: seine Kritik brachte sie zum Rückzug in eine stille, selbstgerechte Haltung, die ihn dazu brachte noch kritischer zu werden usw.

Derartige Störungen in der lustvollen Erregung zwischen Menschen liegen den neurotischen Mustern in Beziehungen zugrunde. Kontakt zwischen den Menschen läßt die emotionale Erregung ansteigen, ob lustvoll oder unlustvoll, und kann an Intensität nicht mehr erträglich sein. Traumatische Ereignisse, die von außen kommen, können ebenfalls stärkere Emotionen schüren, als einer der Partner tolerieren kann. Oft reduziert ein Paar die emotionale Intensität, indem sie sich von einander zurückziehen. Nach derartigen Energiedynamiken Ausschau zu halten und sie zu identifizieren, muß Teil der Evaluierung von Familienproblemen sein, wenn man eine Familientherapie in Angriff nimmt.

 

Die diagnostische Bewertung von Familien und von Liebesbeziehungen

Die Diagnose ist für eine erfolgreiche Behandlung wichtig. Die diagnostische Bewertung von Familien ist in der Literatur der traditionellen Familientherapie ausführlich diskutiert worden (Howells), und deshalb konzentriere ich mich hier auf einige grundlegende Aspekte, die für den biosozialen Ansatz sachdienlich sind.

Die individuellen Charakterdiagnosen der Mitglieder einer Familie zu kennen, kann hilfreich sein, um die emotionalen/energetischen Toleranzen und Tendenzen jedes Einzelnen zu verstehen. Jedoch beruht eine biosoziale Diagnose auf dem Verstehen der unmittelbaren, gegenwärtigen Verhaltensweisen und ihrer energetischen Funktion innerhalb des sozialen Systems. Dies sind die Elemente, die die Blockaden der Dynamik bilden, wie oben bei Suzys Eltern beschrieben.

Zunächst werden mehrere Sitzungen der Bewertung des Paares bzw. der Familie gewidmet. Jeder wird darum gebeten, die ihn bewegenden Probleme zu beschreiben und dann auf die Beschreibung der anderen zu reagieren. Das setzt einen Prozeß in Gang, der der Gewinnung einer Perspektive dient, indem ein Blick auf die Beziehung entwickelt wird, der umfassender ist als die Gedanken und Gefühle jedes Einzelnen und dabei hilft, die Rolle zu erkennen, die jeder Partner bei der Entwicklung von Problemen spielt. Das Sprichwort "Es gehören immer zwei dazu" beschreibt diese Realität und wird anschaulich dargestellt und illustriert von Eileen McCann und Douglas Shannon in The Two-Step. The Dance Toward Intimacy (1985).

Es ist wichtig, die wechselseitigen neurotischen Muster dingfestzumachen, aber es ist auch wichtig, die Elemente des tieferen gesunden Kerns wechselseitiger Erregung zu identifizieren, die ursprünglich die beiden Individuen zusammenbrachte. Dies wird in den ersten paar Sitzungen abgeschätzt, indem jedem der Partner gebeten wird, zu erzählen, wie sie sich trafen und was sie an dem anderen damals erregte. Es ist diese Kern-Erregung, die die emotionalen Schichten jedes Einzelnen stimuliert und zu einer Beziehung führt mit Aspekten der drei grundlegendne Arten von Liebe: eine oberflächliche Liebe, die das Aussehen umfaßt – die Fassade, eine neurotische Liebe – die sekundäre Schicht und eine tiefe, bleibende Liebe – der Kern (Abb. 3). Das Vorhandensein von Kern-Erregung am Anfang bedeutet nicht unbedingt, daß die Beziehung "gerettet" werden kann. Die Erfahrung zeigt, daß der natürliche Verlauf einiger Beziehungen deren Auflösung beinhaltet. Das Ausmaß der neurotischen Muster, die sich entwickelt haben, kann die Kern-Erregung derartig in den Schatten stellen, daß es unmöglich ist, ihre anfängliche Intensität wiederherzustellen oder ein Partner kann wachsen, oft durch Therapie, so daß seine Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können.

Die Arbeit mit Paaren hat gezeigt, daß jede Liebesbeziehung Qualitäten hat, die ihr einen charakteristischen Stempel verleihen. Darüber hinaus können sie in der Regel in zwei Typen unterteilt werden.(5)

Der eine Typ ist ruhig und stabil, der andere ist volatil und instabil. Der letztere Typ kann sich in seinen Erscheinungsformen von Moment zu Moment ändern, aber er kann eine langjährige dynamische Instabilität aufweisen, genauso wie der unbefriedigte Block eines Individuums eine "stabile" Instabilität ist. Von den oben behandelten Fällen wurde der ruhige Typ von den Smiths illustriert, während Billys Eltern ein klassisches Beispiel für den volatilen Typ sind.

Ebenso wie der neurotische Charakter den Einzelnen von der Welt isoliert, isolieren die neurotischen Familienstrukturen die Familie vom Rest der Welt. Die Diagnose eines individuellen Charaktertyps ist notwendig für die Durchführung der individuellen Therapie. Können wir eine Charakterdiagnose des Energiesystems Familie formulieren? Wir wissen aus Goldbergs Beobachtungen, daß im gesellschaftlichen Bereich spezifische biosoziale Diagnosen über das gesamte Energiesystem von Arbeitsorganisationen gemacht werden können (1990a, 1990b, 1993). Ich habe den Eindruck, daß es möglicherweise eine entsprechende Auswahl an familiären Charaktertypen gibt, die durch die spezifische Art und Weise identifiziert werden, in der sie sich von der Welt isolieren, wir haben jedoch noch nicht genügend Beobachtungsmaterial, sie alle zu identifizieren. Ein Beispiel ist eine Familie, die als Einheit sich auf eine "paranoide" Weise von der Wirklichkeit des Restes der Welt isoliert. In einer derartigen Familie ist jeder außerhalb der Einheit fragwürdig und die Verhaltensweisen und die innere Arbeitsweise der Familie werden von dem Verlangen bestimmt, die Welt als Bedrohung zu betrachten. Andere Beispiele sind starre autoritäre Familien oder jene, die desorganisiert und permissiv sind. Es gibt auch Familien, die ruhig und "unterdrückt" sind, und andere, die volatil und "unbefriedigt" sind. Jede hat einen bestimmten Charakter, der beschreibt, wie mit dem Selbstausdruck innerhalb und außerhalb der Familie umgegangen wird.

 

Liebe und Arbeit in der Familie

Reich identifiziert Liebe und Arbeit als primäre Ausdrücke des Lebens, die sich jeweils im gesellschaftlichen Bereich manifestieren. Sie sind sich unterscheidende, aber nicht streng voneinander getrennte, wechselseitig miteinander verbundene Funktionen, die das gemeinsame Prinzip der bioenergetischen Entladung im gesellschaftlichen Bereich teilen (Abb. 4). Jede Beziehung hat sowohl Aspekte der Arbeit als auch der Sexualität und Liebe. Die Energie pendelt zwischen den beiden mit der einen oder anderen als Hauptgrundlage für die jeweilige Beziehung. Zwei grundlegende Typen von Sozialstruktur bilden sich, um den Ausdruck dieser Funktionen zu unterstützen: Geschäftsorganisationen mit der Hauptfunktion Arbeit und Familien mit der Hauptfunktion Liebe (Abb. 5). Die zugrundeliegenden gemeinsamen Prinzipien im gesellschaftlichen Bereich ermöglichen es therapeutische Techniken, die entwickelt worden sind, um Probleme von Arbeitsorganisationen anzugehen (Goldberg), auf Familien anzuwenden, wie oben bereits erwähnt.

Wie viele haben das Empfinden, es mache Arbeit, eine Liebesbeziehung zu pflegen? Oder daß es besonders erregend ist, mit einem bestimmten Kollegen zu arbeiten? In einer gesunden Arbeitsorganisation unterstützt Sexualität, im weitesten Sinne definiert als die gegenseitige Erregung durch den einfachen Kontakt mit dem anderen, die Entladung der Arbeitsfunktion. In der gesunden Familie unterstützt Arbeit, im weitesten Sinne definiert als jedwede aufgebrachte Bemühung, die Entladung der Liebes- bzw. sexuellen Funktion.

Das Ziel einer Arbeitsbeziehung ist ein Produkt. In einer Arbeitsorganisation ergibt sich das beste Produkt aus gut fokussierter Arbeit in der Organisation. Das Ziel einer sexuellen bzw. Liebesbeziehung ist wechselseitige Erregung und sexuelle Entladung. Im offensichtlichsten Sinne ist ein Kind das Produkt der Liebe zwischen den Eltern. In einer Familie ergibt sich das beste Produkt, ein gesundes Kind, aus gut fokussierter Liebe. Mit gut fokussierter Liebe meinen wir, daß die biologischen Liebesbedürfnisse des Kindes klar gesehen und in jedem Stadium der Entwicklung erfüllt sein müssen. Was den Bedürfnissen des Kindes zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung entspricht, kann sie an einem anderen behindern. Ein Kind erfolgreich zu erziehen, erfordert seitens der Eltern Flexibilität und ein Verständnis der unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse innerhalb der Familie.

 

Die unterschiedlichen sexuellen Bedürfnisse der Familienmitglieder

Genitale sexuelle Kontakte zwischen Partnern unterstützen die Kernfunktion der Familie und sind angemessen. Zwischen einem Elternteil und dem Kind ist es unangebracht und zerstörerisch, weil es schreckliche Verwirrung schafft und die sexuelle Erregung und das Interesse des Kindes auf das Elternteil fixiert. Dies hemmt die Entwicklung der sexuellen Unabhängigkeit des Kindes, indem das Finden sexueller Befriedigung außerhalb der Familie gestört und so die langfristige Funktion der Familie beträchtlich untergraben wird. Die sexuellen Bedürfnisse des Kindes in jeder Phase der Entwicklung – okular, oral, anal, phallisch und genital – müssen in einer Weise befriedigt werden, die für Alter und Entwicklungsstand des Kindes angemessen ist. Für ein Kleinkind ist der orale Kontakt mit der Brust seiner Mutter angemessen, aber für ein herangewachsenes Kind wäre er unangemessen. Angesichts der weltweiten patriarchalischen Kultur, in der wir leben, ist es für das Kind oft notwendig genitale sexuelle Impulse zu unterdrücken, bis er oder sie in der Lage ist, ein sozial angemessenes Ventil zu finden. Der Wunsch Kinder unangemessene sexuelle "Befreiung" zu erlauben, ist oft das Ergebnis der Fehldeutung orgonomischen Wissens.

Ich begann Ann im Alter von zweieinhalb Jahren zu sehen, weil ihre Eltern wollten, daß sie von einem Orgonomen begutachtet wird, obwohl sie sich nicht sicher waren, ob etwas falsch war. Sie war lebhaft und ein bißchen wie ein Tiger. Ich fand etwas orales Festhalten und eine subtile Tendenz, in den Augen wegzugehen. Es war nur notwendig, sie alle vier bis sechs Monate zu sehen. Ich arbeitete an ihrem Unterkiefer, was ihr die Entladung von erheblicher Wut und Traurigkeit ermöglichte und dazu führte, daß sie emotional präsenter war, ruhiger und offener gegenüber weichem, warmem Kontakt mit ihren Eltern. Im Alter von vier Jahren gaben ihre Eltern jedoch der Besorgnis Ausdruck, daß sie ihrem Vater gegenüber sexuell provokativ geworden sei. Sie kam gelegentlich zu ihm und rieb ihre Genitalien gegen ihn, während er auf dem Sofa saß. Sie wollten ein "gesundes Kind" großziehen und obwohl beiden Anns Verhalten unangenehm war, zögerten sie, ihm Einhalt zu gebieten, weil sie "sie nicht sexuell unterdrücken wollten". Durch das Gespräch wurde klar, daß sie in der Regel keinen Augenkontakt herstellte oder direkt sagen konnte, daß sie die Aufmerksamkeit ihres Vaters wollte. Als Reaktion auf ihr sexuelles Verhalten versuchte er sich so zu verhalten, als ob alles in Ordnung sei, aber es war ihm äußerst unangenehm, was sie offensichtlich spürte. Ich drängte den Vater, Ann sanft zu sagen, daß sie damit aufhören solle, sich an ihm zu reiben und sie zu ermutigen Augenkontakt herzustellen und zu sagen, was sie will. Ich versicherte den Eltern, daß diese sanfte Unterdrückung ihrer genitalen Impulse notwendig sei. Als der Vater mit Anns sexuellem Verhalten auf diese Weise umging, stellte sie es rasch ein. Sie wurde ruhiger und allgemein konzentrierter und konnte ihren Vater ansehen und ihn in eine Reihe alltäglicher Spielaktivitäten mit den Worten einbinden: "Schau, Daddy, was ich kann."

Bei Ann mußte ihre Unfähigkeit, okularen Kontakt herzustellen und für sich selbst einzutreten, behandelt und gelindert werden. Dieser Fall zeigt, daß genitale Erregung zu Verwirrung und Chaos führen kann, es sei denn sexuelle Impulse aus anderen Segmenten als dem genitalen (okularer Kontakt, oraler Ausdruck, Gefühle, die von Herzen kommen usw.) werden angemessen ausgedrückt und integriert. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, die langfristigen Bedürfnisse des Kindes bei Entscheidungen über die Behandlung des Verhaltens von Kindern innerhalb der Familie zu berücksichtigen. In diesem Fall war genitale Unterdrückung, die negativ betrachtet werden könnte, auf kurze Sicht notwendig, um die okulare Integration des Kindes zu unterstützen, als auch um die langfristige Entwicklung ihrer sexuellen Unabhängigkeit ohne genitale Fixierung auf ihren Vater zu unterstützen.

 

Stellung, Rollen und Funktionen in Familien

Innerhalb der Familien genauso wie in Arbeitsorganisationen haben Menschen jeweils eine oder mehrere Stellungen, Rollen und Funktionen inne. Traditionelle Familientherapien (insbesondere das Strukturmodell) befassen sich mit der Stellung und den Rollen in der Familie. Die Kenntnis der zugrundeliegenden Energie ermöglicht es uns jedoch, die Rollen und die Stellung in Perspektive zu setzen.

Die Stellung in einer Familie ist meist oberflächlich und klar definiert: Vater, Mutter, Kind, ältestes Kind, mittleres Kind, jüngstes Kind, Großmutter usw. Jede dieser Stellungen kann möglicherweise viele verschiedene Rollen einnehmen, die unterschiedliche Energiefunktionen des Kerns entlädt. Diese Rollen können neurotischen oder gesunden energetischen Funktionen dienen, was dadurch definiert ist, wie die Rolle verwendet wird, und nicht von der Rolle selbst. Beispielsweise kann ein Vater in seiner Rolle für Disziplin sorgen. Als solcher könnte er seine fünf Jahre alte Tochter für die sexuellen Spiele mit dem fünf Jahre alten Sohn des Nachbarn bestrafen. Die energetische Konsequenz könnte Fixierung des sexuellen Interesses der Tochter auf den Vater und Hemmung ihrer altersgemäßen Hinwendung zur Welt sein. Auf der anderen Seite könnte ein Vater seine eifersüchtig fünfjährige Tochter disziplinieren, um zu verhindern, daß sie das Stillen ihres kleinen Brüderchens an der Brust der Mutter stört. In diesem Fall dient seine disziplinierende Rolle rationalen gesunden Funktionen, indem er sicherstellt, daß die oralen Liebesbedürfnisse des Babys begriedigt werden und daß die Tochter daran gehindert wird, ihre neurotische Energie durch destruktives Ausleben zu entladen.

Die angebrachten, gesunden Rollen für eine bestimmte Stellung sind in der Regel nicht festgelegt und ändern sich im Laufe der Zeit. Beispielsweise muß die Rolle der Mutter bei einem Kleinkind eine andere sein als bei einem Jugendlichen. Wenn es fünf ist, wird die Rolle eines Kindes gegenüber seinen Eltern völlig andersgeartet sein, als wenn es herangewachsen ist und eigene Kinder hat. Das Wissen um die zugrundeliegende energetische Grundlage für ein gesundes Familiensystem beinhaltet, daß man die verschiedenen Rollen mit Blick darauf definieren kann, wie diese Funktionen entladen werden. Demnach kann jede Stellung dahin bestimmt werden, wie gut der einzelne seine Rolle (bioenergetisch) entlädt. Das breite Spektrum der neurotischen Probleme ist Beleg für das Versäumnis, die Rollen im Laufe der Zeit zu ändern. Ein erwachsener Mann kann ein "Muttersöhnchen" bzw. kann eine erwachsene Frau "Papas kleines Mädchen" sein.

Neurotische Familiensituationen zeichnen sich auch durch Verwirrung der Stellung, der Rollen und der Funktionen aus. Zum Beispiel wird in unserem modernen permissiven sozialen Umfeld einem Kind oft erlaubt, oder es wird sogar dazu aufgefordert, die elterliche Rolle oder Rollen zu übernehmen, die nicht zu seiner rationalen Funktion in der Familie passen. Diese Konfusion von Stellung und Rollen ist ein wachsendes Problem in unserer Gesellschaft. In vielerlei Hinsicht treten Eltern von den rationalen Rollen ihrer elterlichen Stellung zurück (d.h. sie versuchen "Kumpel" ihrer Kinder zu sein). Dies erzeugt im Familiensystem Verwirrung, Angst und Stillstand. Die rationale Familienfunktion der Eltern wird an andere Organisationen wie die Schulen delegiert. Lehrer sehen sich gezwungen, Ersatzeltern zu werden, was wiederum ihre rationale Arbeitsfunktion des Lehrens behindert. Eines der Merkmale einer erfolgreich verlaufenden Familientherapie ist, daß jedes Mitglied der Familie die Rollen übernimmt bzw. erneut übernimmt, die seiner Stellung innerhalb der Familie angemessen sind und das auf eine Art und Weise, die die zugrundeliegenden sexuellen und Liebesimpulse dieser Stellung angemessen entladen.

Eine Familie, mit der ich arbeitete, bestand aus Vater, Mutter, einem vierjährigen Mädchen und einem 17 Monate alten Jungen. Die Eltern hatten Probleme mit der Kontaktaufnahme untereinander, was offenkundige sexuelle Schwierigkeiten beinhaltete. Beide waren frustriert, was den jeweils anderen betraf. Gelegentlich brach das als Gezänk hervor oder die Frau war wütend, während der Ehemann sich in die Abwehrhaltung einer stillen Wut zurückzog. Sie waren beide oft überfordert mit "dem Versuch beiden Kindern die Liebe und den Kontakt zu geben, den sie brauchen". Die Probleme nahmen zu, nachdem ihr Sohn über ein Jahr alt war. Das Interagieren der Eltern folgte einem Muster, bei dem die Frau auf Angst so reagierte, daß sie verbal aggressiv wurde, ihr Ehemann zog sich dann in ruhige Kontemplation zurück, was die Frau dazu brachte, sogar noch aggressiver zu werden, woraufhin sich der Ehemann dann noch mehr zurückzog. Die vierjährige Tochter war ein süßes, empfindsames, feminines einfühlsames Kind. Der 17 Monate alte Sohn war ein Energiebündel, war kraftvoll und für alles zu begeistern. Die Tochter wurde von den Eltern oft gebeten, auf ihn aufzupassen und sie nahm diese Verantwortung häufig auf sich, ohne danach gefragt worden zu sein. Die Eltern berichteten, daß, wenn sie stritten, die Tochter oft zwischen ihnen stand und versuchte, die Auseinandersetzung zu beenden.

Meine Arbeit mit dieser Familie beinhaltete eine Reihe von Einzelsitzungen mit der Frau, was zu Paarsitzungen, einigen Einzelsitzungen mit dem Mann und schließlich einer kurzen Reihe von Einzelsitzungen mit jedem der Kinder führte. Nach etwa eineinhalb Jahren berichteten beide Elternteile, daß sich die Dinge zwischen ihnen und zu Hause gebessert hatten: "Es gibt viel mehr Liebe im Haus." Es gab zu dieser Zeit aber einige Episoden des Zorns von seiten der Tochter, die vor allem auf die Mutter gerichtet waren. Die Eltern standen vor einem Rätsel, weil alles so gut zu gehen schien und sie fanden nichts, was die Tochter hätte stören können.

Ich hatte das Gefühl, daß die Situation eine Verschiebung in der Dynamik der gesamten Familie widergespiegelte. Die Tochter hatte zuvor (und wurde darin unterstützt) eine fast erwachsene Rolle als Betreuerin für ihren Bruder übernommen und, was noch bedeutsamer ist, sie hatte die Rolle des Friedensstifters in der Familie inne. Als die Eltern mehr in der Lage waren, einander ihre Wut auszudrücken, die Konflikte zwischen ihnen zu lösen und sich die echte, auf ihrer Liebe zueinander beruhende Beziehung stärkte, mußte sie nicht länger die Rolle des Friedensstifters spielen und konnte schließlich ihrer eigenen Wut darüber Ausdruck verleihen, daß sie in eine Rolle gedrängt worden war, die rational betrachtet nicht die ihre war. Meine Einschätzung der Situation klang für die Eltern nachvollziehbar. Es half ihnen, das gesamte Spektrum der Emotionen in der Familie, einschließlich Wut, zu akzeptieren und zu tolerieren. Es half ihnen auch sich mit der unrealistischen allumfassenden Familienhaltung, daß alles "liebevoll", ohne Angst oder Wut zu sein hatte, auseinanderzusetzen. Das Gewahrwerden dieser Erwartung einer "liebevollen" Haltung half ihnen, die zugrundeliegende Angst und Frustration in der Familie zu erkennen. Diese Erkenntnis verschaffte ihnen vorübergehende Linderung, was zugrundeliegenden tieferen Gefühlen der Liebe erlaubte aufzutauchen. Wichtiger war jedoch, daß es einen Weg eröffnete, den Problemen der Familie ins Angesicht zu blicken und befriedigendere Lösungen zu finden.

 

Der Vergleich von neurotischen und gesunden Familienfunktionen

Keine Familie ist vollkommen gesund oder ideal. Angesichts unserer Sozialstruktur, sind die meisten Beispiele für eine ödipale Familie. Ihre Essenz ist die Fixierung der genitalen sexuellen Bedürfnisse des Kindes auf den andersgeschlechtlichen Elternteil. Dies tritt auf und ist möglich, weil das Kind normalerweise vom befriedigenden genitalen Spiel mit einem altersentsprechenden Spielkameraden abgehalten wird bzw. dies unterbunden wird. Dieses Ventil ist sicherlich nicht etwas, für das die meisten Eltern und die Gesellschaft bereit sind.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, daß die natürlichen gesunden Strukturen und Beziehungen, Stellungen, Rollen und Funktionen nicht eindeutig definiert werden können, weil sie noch nicht ausreichend untersucht worden sind. Jedoch können uns einige der Forschungen der Anthropologen einige Hinweise geben. Der natürliche Kern der Familie ist mutter-zentriert. Dies wird eindeutig durch die anthropologischen Erkenntnisse aus Kulturen mit wenig Neurose, wie die der Trobriand-Insulaner, unterstützt, die von Bronislaw Malinowski studiert worden sind (1929). Daß menschliche Familien im Kern mutter-zentriert sind, unabhängig vom neurotischen Charakter, der ihn überlagert, zeigt sich an den tiefen Wahrheiten, die im Humor, den Witzen und Klischees über Mütter in praktisch allen Ethnien offenbar werden.

Abb. 6 zeigt in einem Diagramm, daß der natürliche Kern der menschlichen Familie mutter-zentriert (matristisch) ist. Der Ausdruck dieses natürlichen Kerns ist in der Regel gehemmt und/oder durch ein hartes Patriarchat unterdrückt. Darüber sind beliebig viele Fassaden möglich. Hierzu zählen ein dünnes Furnier, das wenig mehr als ein direkter Ausdruck des brutalen Patriarchats ist, oder eine reaktive vater-zentrierte Fassade aus Ritterlichkeit bzw. eine reaktive, harte mutter-zentrierte Fassade, das Matriarchat bzw. der Feminismus.

Einige der Familienfunktionen und daher -rollen werden von der Biologie her definiert. Das orale sexuelle Liebesbedürfnis des Säuglings kann nur durch Stillen voll und ganz befriedigt werden; eine Funktion, die nur von der Mutter entladen werden kann. Dies ist eine biologische Realität, die alle Säugetiere betrifft. Die soziale Grundeinheit aller sozial hochentwickelten Säugetiere ist mutter-zentriert. Dies gilt für eine Vielzahl von Arten von Schimpansen über Wale zu Elefanten. Menschen sind Tiere, bei denen das Weibchen nicht nur gebiert, sondern durch das Stillen auch den psychosexuellen Hauptkontakt für das erste Jahr der Entwicklung bietet. Diese biologische Tatsache definiert bestimmte Funktionen für Mann und Frau. Wenn soziale Rollen und die Stellung, die sie ausfüllen, eine vollständige und direkte Entladung der Energie der biologischen Funktionen ermöglichen, wird im System ein gesunder Energiestoffwechsel gewährleistet.

 

Spontane Bewegung: Das Wirken der grundlegenden Orgonenergie-Funktion in der Familientherapie

Eine der intrinsischen Eigenschaften der Orgonenergie ist die spontane Bewegung. Im Gegensatz zu einer Maschine muß sie nicht in Bewegung versetzt werden. Auch eine Familie muß nicht in Bewegung versetzt und zur Veränderung gezwungen werden. Beide reagieren in ähnlicher Weise, wenn Blockaden der Bewegung entfernt werden. Wie bei einer festsitzenden Bremse, die verhindert, das irgendwas in Bewegung gebracht werden kann, ermöglicht die Entfernung der Schlüsselblockaden dem Rest sich von allein weiterzubewegen. Viele Aspekte des gesellschaftlichen Bereichs sind oft sehr viel mehr in Fluß als die individuellen psychischen und somatischen Bereiche. Aus diesem Grund kann eine minimale Intervention zu erheblicher Bewegung in einer Beziehung oder einem Familiensystem führen.

 

Der soziale Bereich kann Ort der Neurose sein

Ab und an haben Therapeuten, die mir Paare überwiesen haben, gemeldet, daß nach nur relativ wenigen Sitzungen Paar- bzw. Familientherapie, Patienten in ihrer individuellen Behandlung plötzlich überraschende Fortschritte gemacht haben. Häufig waren es jene Patienten, die bereits gut und stetig vorankamen. Derartige Berichte haben den Eindruck bekräftigt, daß enorme Energiemengen in den Beziehungen einer Person gebunden sein können. Diese Energie wird auf fruchtlose, unbefriedigende Art und Weise entladen und steht für befriedigende lustvolle Erfahrungen nicht zur Verfügung.

Jemand in Orgontherapie kann seine inneren Blockaden gegen Energiebewegung weitgehend überwunden haben, aber bevor er nicht das neurotische Gewebe seiner alltäglichen Liebes- und Arbeitsbeziehungen entwirrt, kann er nicht den vollen Nutzen aus dem Fortschritt schöpfen, den er gemacht hat. Es scheint, daß manchmal in der Tat die Beziehungen eines Menschen Hauptort seiner Neurose ist. Werden sie auf diese Weise ausgelebt, können die neurotischen Probleme des Patienten zu einem mehr oder weniger hohen Grad der Behandlung in der Einzeltherapie unzugänglich werden. Es ist eine weitverbreitete mechano-mystische Idee, daß der Patient auf "magische" Weise gesundet, wenn der Panzer entfernt wird. Das Gewahrsein der inneren biopathischen Struktur des Menschen und gleichzeitig seines neurotischen sozialen Umfelds bietet eine Perspektive, um ihm helfen zu können aus der emotionalen Falle herauszukommen, die von Wilhelm Reich und Elsworth Baker so lebendig beschrieben worden ist.

 

Fazit

Familien sind soziale Energiesysteme, die sich um die biologische, sexuelle Liebesfunktion gebildet haben. Diese biosoziale Grundlage der Familien und die Behandlung ihrer Probleme ist die hier vorgestellte zentrale Erkenntnis. Sie eröffnet Wege, um gesunde Familien zu erkunden und bietet Werkzeuge, um kranke Familien zu behandeln. Die Implikationen dieser Arbeit sind breitgefächert, vor allem hilft sie jedoch die tiefste Liebe zwischen einem Mann und einer Frau zu unterstützen, so daß es zu einer Umgebung kommt, in der die Kinder der Gegenwart und der Zukunft gedeihen können.

 




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Fußnoten

(1) Das „bio“ in biosozial bezieht sich auf bioenergetisch, nicht auf biochemisch, wie in der modernen Psychiatrie.

(2) Wenn Paar- oder Familientherapie für einen Patienten in der individuellen Behandlung benötigt wird, ist es manchmal besser, daß ein anderer Therapeut die Ehe- oder Familientherapie durchführt. Es ist wichtig, daß beide Therapeuten miteinander kommunizieren, um über Probleme im Klaren zu bleiben, die die Übertragung betreffen.

(3) Conjoint-Therapie entwickelte sich aus der psychoanalytischen Tradition und ist ein beschreibender Begriff: das Treffen mit einem oder mehr Menschen, die mit dem Patienten in einem Zusammenhang stehen.

(4) Von ihrem Wortstamm her bedeutet Kommunikation wörtlich "gemeinsam haben".

(5) Dies scheinen energetische Typen im sozialen Bereich zu sein, die möglicherweise das energetische Äquivalent von unterdrückten und unbefriedigten Typen individueller Charaktere darstellen, wie sie erstmals von Baker dingfest gemacht worden sind (1967).